Donnerstag, 28. Januar 2010

Verloren im Schilderdschungel oder: Warum wir die Jugend fürchten müssen

Ich fahre nicht mehr so oft Bahn in letzter Zeit. Das mag damit zu tun haben, dass ich gern mein junges Vaterdasein als Argument gegen die letzten Züge meiner universitären Pflichten benutze. Obwohl die Rechnung, die ich dabei mache, üblicherweise eine Lehreinheit für Milchmädchen darstellt (Fünf plus in meiner Abiturprüfung des Zwangskurses Mathematik…), denn Priorität gegen Priorität auszuloten macht in diesem Falle vielleicht auf der einen Seite einen guten Vater, aber auf der anderen Seite ein verdammt schlechtes Vorbild. „Herr Weyland, ihr Sohn brachte heute eine Entschuldigung mit zur Schule, auf der Sie ihm angeblich bescheinigen, er könne nicht am Unterricht teilnehmen, da er sich um seine Fische kümmern müsse. Ich denke, wir müssen darüber reden…“ Nur, dass meine Dozenten sich nicht darum scheren, ob ich nun mein Regelstudium durchziehe oder überziehe, was zur Folge hat, dass ich zur Zeit gar nicht mehr weiß, was in Bochum so passiert. Geschweige denn, wie meine jetzigen Kommilitonen aussehen – und Einige davon sind mittlerweile Söhne und Töchter eines Jahrgangs, in dem ich schon auf’m Bolzplatz rumgerannt bin, was ebenfalls ein antimotivierendes Feeling bei mir evoziert.

Aus diesen Gründen habe ich eben U- wie S-Bahn schon einige Zeit nicht mehr von innen gesehen. Und wenn ich mich doch auf Kurzstrecken im Verzicht auf mein KFZ übe, springt mir wieder der ganze Erfindungsreichtum des öffentlichen Nahverkehrs gegen seine Kunden ins Gesicht. Vor Allem eine Klientel scheint es den Betreibern von BoGeStra und Co. angetan zu haben. Die Jugend. Wie immer. „Unsere Kunden wünschen saubere Busse und Bahnen.“ Mit diesem Argument wird gegen diese wohl größte Benutzergruppe ins Feld gezogen. Und gerade sie werden sogar als „Kunden“ ausgeschlossen. Eigentlich würde ja ein Verbotsschild ausreichen, dass es Tieren verbietet, das Verkehrsmittel der Wahl zu betreten, das schlösse die Frechdachse und Schmierfinken aus. Denn eigentlich richten sich jegliche neu geschaffenen Verbotsschilder gegen die rebellische, zügellose Jugend, die sich selbst nicht im Griff hat und nur aus einem Grunde das Haus verlässt: Zerstörung und Verwüstung so weit das Auge reicht. Die Weltmächte sähen mit ihren lächerlichen Atomraketen ziemlich albern aus, stünden sie einer Armee rekrutierter Aknesoldaten gegenüber, die sich mit Pommes, Bier und Musikhandys bewaffnet haben, um der Erwachsenenwelt, Busfahrer zuerst, den Garaus zu machen. Um sie zu zähmen, gibt es seit Neustem jene erwähnten Verbotsschilder, auf deren Hinweis auf Einhaltung die Führer von Bus und Bahn in wochenendfüllenden Workshops trainiert werden – sogar Weicheier und Frauen werden auf eine Terminator-Stimme getrimmt – und deren Missachtung die Todesstrafe durch Rädern führt. Die jugendlichen Nicht-Kunden werden nämlich dazu aufgefordert, auf jegliche Einnahme von Ess- und Trinkbarem während ihrer Fahrt zu verzichten. Ebenso ist es ihnen versagt, eine jedwede Fahrt, sei sie auch noch so langweilig und zermürbend, durch Zerstreuung mittels musikalischer Klänge, zu versüßen. Denn hier fängt ja das Übel schon an. Hier wird doch ein Kind schon auf den Marschrhythmus gegen die Vernunft geprügelt. In Zeiten, wo man wegen S/M-Fotos im CD-Booklet auf den Index wandert, ziehen die ÖPNV-Schaltstellen alle Register. Hier geht es um die Vernichtung eines Kundenstammes, die Verbannung des gesellschaftlichen Aussatzes mit Fanta- Frisur aus dem öffentlichen Raum, die systematische Zerstörung der jugendlichen Wut.
Doch: Stellen wir uns mal ein Deutschland vor, in dem die Eltern jeglicher Schulpflichtiger ihre Söhne und Töchter mit dem eigenen Auto zur Schule bringen, weil der Kontrolleur demnächst nicht mehr nach dem Schokoticket, sondern nach dem Ausweis fragt. Unter 21-Jährige sind nämlich fortan nicht mehr berechtigt, den Nahverkehr zu nutzen und müssen auf private Verkehrsmittel zurückgreifen, zur Not also auch per pedes reisen.

Es bleibt nur eine Frage: Wie lange werden die Teenager sich das noch gefallen lassen? Vielleicht organisieren sie sich schon im Untergrund und planen einen großen Vernichtungsschlag gegen die Volljährigen. Nicht umsonst werden Raptexte und Computerspiele immer aggressiver, aufkochende Gewalt springt in hanebüchenen Schlagzeilen von den Tagesspiegeln. Die dem Druck der Geheimhaltung über ihre deutschlandweiten Gruppierungen nicht standhalten, rasten aus und veranstalten Massaker an Bildungsstätten. Wir haben also Grund zur Furcht, denn wir stehen kurz vor der pubertären Apokalypse.

Vielleicht bekommen die Vor-Twens dabei sogar Unterstützung von anderen Gruppierungen. Zum Beispiel von denen, die sich auffe Firma mit Pressluft die Kleidung reinigen oder von Krawattenträgern bei Mäckes… siehe folgende Beispiele:



v.l.n.r.: Bedienung mit Krawatte verboten; Kleiderreinigung mit Pressluft verboten; Mitfahren auf Gabelstapler verboten; Verbot für Personen mit Metallimplantaten; Auf Regale klettern verboten, Auf Hubwagen fahren verboten... (Grafiken von www.verbotsschilder.de)
Cheers! h*

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