Als ich am Wochenende Besuch empfing, zeigte sich mein Nachbar wieder von seiner besten Seite. Ich gebe zu, dass es nicht gerade nachbarschaftlich ist, nachts um Drei Klavier zu spielen. Jedoch hatten mein Kumpan und ich einige Kronen Export gekillt und da muss ein Musiker tun, was ein Musiker tun muss.
Denn gerade der Konsum von Alkohol und Marihuana scheint bei Kreativköpfen einen unzubändigenden Drang nach dem Ausüben ihrer künstlerischen Tätigkeit zu fördern. Nicht umsonst veranstaltet man in Clubs weltweit die berüchtigten „Sessions“, die einzig und allein dazu geschaffen sind, Musikern und solchen, die es gern wären, eine Plattform zu schaffen, um diesem Drang nachzugeben. Mir ist bis heute schleierhaft, warum ebenfalls Nicht-Musiker aus freien Stücken einer Session beiwohnen. Das Herumgehacke auf einem Akkord oder einem Bluesschema, was eigentlich darin besteht, dass die Rhythmusgruppe unartikuliert rumklimpert und ein Gitarrist oder Saxophonist seiner Profilneurose in 15-minütigen Soli (auch Ejakulieren genannt) freien Lauf lässt, kann für unverständige Außenstehende weder unterhaltend noch musikalisch ansprechend sein. Sei’s drum –und den Wirten jener Veranstaltungsorte gegönnt, dass es immerhin ein Publikum gibt, das Getränke verzehrt… Denn beliebt sind die Sessions ohne Frage. Das Skurrilste, was mir in diesem Zusammenhang je untergekommen ist, war eine Party in einer Riesen-WG, in der zu oben beschriebenem Zwecke ein eigener Raum eingerichtet wurde, in dem Instrumente jedweder Art deponiert bereit lagen, darunter die obligatorische Djembe-Trommel nebst Didgeridoo, Nylonklampfe und Melodika. Zu fortgeschrittener Stunde konnte man dann, dem Krach folgend, die Begegnung mit in Trance wackelnden Zugedröhnten machen, die eben jenes musikalische Rumgehampel vollführten, was dem geneigten oder genervten Zuhörer schon lang vorher wabernd den Gang entgegen scholl.
Wie auch immer, an diesem Abend wollten auch mein Besuch und ich nach der Einnahme besagten Bieres eine kleine Session zelebrieren und nutzten dazu auch mein kleines Kofferpiano. Zunächst sollte ein Grundrhythmus eingedroschen werden, erstellt mittels modernster Computersoftware, die so einfach zu bedienen ist, dass man auch getrost mit 4,3 Promille noch eine Songskizze einhämmern könnte – der Quantisierung sei Dank! Die Erstellung dessen erforderte E-Gitarre, leicht verzerrt; E-Bass und Hammondorgel sowie E-Drums über MIDI-Steuerung. Als der Song stand, musste noch ein Klavierpart eingehackt werden, der, so waren wir uns beide einig, nicht aus der Büchse kommen sollte. Schnell mikrofoniert, gepegelt und schon wurde mit Hingabe mindestens vierzig Minuten gejammt, was das Zeug hielt. Als schließlich der Session-Song im Kasten war, fielen wir betrunken ins Bett. Zuvor hatte ich noch das Schlafsofa auszuziehen, was im betrunkenen Zustand doppelt so lang dauerte wie sonst, also geschätzte drei Minuten. Dieses Detail ist wichtig für den weiteren Verlauf meiner Erzählung.
Am nächsten Morgen nämlich, so gegen zehn Uhr, also nach gefühlten dreißig Minuten Schlaf, schepperte es vom Erdgeschoss her und hallte durch den Rathausflur meines Kopfes: „Schöner fremder Mann, du bist lieb zu mir…“ Lüggemann! Du Arschgesicht! Mit einem dezenten Klopfen auf den Parkettboden meines Schlafzimmers wollte ich meinen Nachbarn zur Räson bringen, was Eins A funktionierte. Genau im nächsten Refrain nämlich drehte er doppelt so laut und jetzt war der Sound so glasklar, als käme er von einem dieser neuzeitigen Handys, die gemeinhin in Elektrogeschäften als Ghettoblaster verkauft werden. Doch nun nicht nur nervend vom Vierer gegenüber, sondern direkt vors Trommelfell implantiert: „Schöner fremder Mann, dann fängt für uns die Liebe an…“ Sofort sprang ich auf, strauchelte vor Müdigkeit und Restalkohol und fiel auf den Hintern. Gepeinigt von den schmerzenden Klängen von unter dem Holzboden und dem Stechen am Steiß stand ich auf, rasend vor Wut, und schmiss mich in Jogginghose und Pantoffeln und stampfte das Treppenhaus runter. Lüggemann hatte die Musik so laut gedreht, dass er nicht einmal das Rammen meines gesamten Körpers gegen seine Wohnungstür bemerkte, was ich einige Male wiederholte. Auch das Schlagen mit den geballten Fäusten und die Tritte mit dem Fuß ließen ihn kalt. Und dann füllte sich ein vermeintlicher Filmriss wieder mit dem fehlenden Schnipsel. Wahrscheinlich hatten die, zugegeben grandiosen, Klaviersoli letzte Nacht für Schlafmangel Lüggemanns gesorgt. Und nun wollte er sich mit ekelhaft lauter Schlagermusik dafür rächen. Schutz vor weiterer Schmach suchend, drehte ich der Wohnungstür den Rücken zu und wollte gerade resignierend das Treppenhaus wieder hochsteigen, da steht er in der Tür. Puterroter Kopf, schnaubend wie ein Stier in Pamplona und aus den Nüstern qualmend, was allerdings eher an der Zigarette in seiner Hand stammen mochte, rief er hinter mir her: „Ey!“ Ich drehte mich um und erstarrte bei seinem Anblick zur Salzsäule. Gerade wollte ich mich kleinlaut für die kleine Nachtmusik entschuldigen, da bollert er schon in reinem Pottdeutsch los. „Da hab ich nur drauf gewartet“, faucht er. „Dat hab ich extra gemacht! Ich komm vonne Arbeit und will schlafen. Und wat macht ihr da oben?“ Wieder unternahm ich einen Versuch die Eskalation durch Entschuldigung zu stoppen, doch er schrie weiter. „Um halb drei is bei euch Möbelrücken angesacht oder wat? Wer nimmt eigentlich ma Rücksicht auf mich?“ Die Wendung! Das ist die Höhe! Nicht das stundenlange Musizieren war ihm offensichtlich auf den Geist gefallen. Nein, was ihn gestört hatte, war lediglich das Ausziehen der Couch für meinen nächtlichen Gast! Und das hatte gerade mal drei Minuten gedauert. War Lüggemann also einfach mal wieder scheiße drauf und brauchte ein Ventil. Die folgende Diskussion endete dann auch mit einem Knallen der Tür seinerseits und einem verständnislosen Kopfschütteln meines Rathausdaches. Naja, zumindest war mit diesem bescheuerten „Gespräch“ das WDR4-Frühstücksprogramm vorbei und ich konnte noch ein paar Stunden Rausch ausschlafen. Verkackte Nachbarn…!
Cheers! h*

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