Eigentlich ist alles wie immer. Ich sitze am Küchentisch, vor mir eine Tasse schwarzer Kaffee; das Ticken der Wanduhr und das Sirren des Kühlschrankes, sowie das Rauschen der Heizung füllen akustisch den Raum. Vom Balkon blitzt ein Sonnenstrahl durchs fleckige Fensterglas. Der Nachbar schraubt im Hinterhof an seinem Roller und lässt -auch dank der wunderbaren Soundveredelung durch die schlauchartige Architektur der ehemaligen LKW-Einfahrt der Weinkellerei Karl Axt- die gesamte Nachbarschaft über jeden kleinen Erfolg und Misslingen seiner groben Handgriffe teilhaben. Laut fluchend wirft er Werkzeug hin und her, brabbelt unverständliche Fetzen vor sich hin und hustet ab und an so rotzschallend, als stürbe er den bitteren Rauchertod. Jetzt scheint er ein Problem identifiziert zu haben, denn ein „Ha!“ rennt die Hauswand hoch und dringt zu mir an den Tisch, wo ich, das Netbook aufgeklappt, sitze und soeben kostenfreien Webspace erworben habe, um das Netz mit meinem unsinnigen Senf zu bereichern.
Ich brauche einen Blog. Jeder kreative Mensch braucht das. Oder jeder, der keine Freunde hat, aber trotzdem die Welt an seinem langweiligen Leben teilhaben lassen möchte. „War gerade einkaufen. Mann, was für ne geile Schnalle an der Schnellkasse…“ Zugegeben auch kein Deut besser als „Ich sitze am Küchentisch, vor mir eine Tasse schwarzer Kaffee…“ aber immerhin darf ich es als Literatur verkaufen. Denn ich bin ja Künstler oder zumindest (immer noch) Studierender der Germanistik. Wo man prinzipiell auch Einkaufszettel für potentiell literarisch hält und an ihnen eine Mikroanalyse durchführt, bis man die Tiefenstruktur von „Butter, Quark, Schalotten, Karotten“ im Telegrammstil des hungrigen Autors herausgearbeitet hat. Man beachte ebenfalls den ungemein findigen Binnenreim in Zeile 3 und 4.
Warum eigentlich?
Eigentlich habe ich ja keine Langeweile. Nichts zu erzählen und wenn ausnahmsweise doch, erledige ich das in Songs. Und mein Leben als virtuelles Tagebuch, von Jedermann einzusehen, zu veröffentlichen liegt mehr als fern. Vielleicht möchte ich nur in dieser Welt ankommen. Dabei sein. Dazu gehören. Twittern, Myspacen, Bloggen, Googeln, etc. Ich möchte nicht irgendwann feststellen, dass mein Sohn mich für einen Schnösel hält, weil ich mich vom digitalen Zeitalter entferne, ganz back to he roots Geschreibsel in Kladden und auf Zettelchen kritzel und einsiedelnd die Gemeinschaft der digitalen Brüder und Schwestern verneine. Also gewöhne ich mich doch daran, mich elektronisch zu offenbaren, um Zeitgeist zu beweisen. Herzlich Willkommen also. Macht hoch die Tür, die Tor macht auf für Hannes‘ virtuelles Opfer an die Moderne, den partiellen Tod der Privatsphäre eines jungen Vaters und billigen Ausverkauf eines schaffenden Künstlers. Willkommen im fünfmilliardsten Blog des WWW…
Cheers!h*

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