Donnerstag, 28. Januar 2010

Verloren im Schilderdschungel oder: Warum wir die Jugend fürchten müssen

Ich fahre nicht mehr so oft Bahn in letzter Zeit. Das mag damit zu tun haben, dass ich gern mein junges Vaterdasein als Argument gegen die letzten Züge meiner universitären Pflichten benutze. Obwohl die Rechnung, die ich dabei mache, üblicherweise eine Lehreinheit für Milchmädchen darstellt (Fünf plus in meiner Abiturprüfung des Zwangskurses Mathematik…), denn Priorität gegen Priorität auszuloten macht in diesem Falle vielleicht auf der einen Seite einen guten Vater, aber auf der anderen Seite ein verdammt schlechtes Vorbild. „Herr Weyland, ihr Sohn brachte heute eine Entschuldigung mit zur Schule, auf der Sie ihm angeblich bescheinigen, er könne nicht am Unterricht teilnehmen, da er sich um seine Fische kümmern müsse. Ich denke, wir müssen darüber reden…“ Nur, dass meine Dozenten sich nicht darum scheren, ob ich nun mein Regelstudium durchziehe oder überziehe, was zur Folge hat, dass ich zur Zeit gar nicht mehr weiß, was in Bochum so passiert. Geschweige denn, wie meine jetzigen Kommilitonen aussehen – und Einige davon sind mittlerweile Söhne und Töchter eines Jahrgangs, in dem ich schon auf’m Bolzplatz rumgerannt bin, was ebenfalls ein antimotivierendes Feeling bei mir evoziert.

Aus diesen Gründen habe ich eben U- wie S-Bahn schon einige Zeit nicht mehr von innen gesehen. Und wenn ich mich doch auf Kurzstrecken im Verzicht auf mein KFZ übe, springt mir wieder der ganze Erfindungsreichtum des öffentlichen Nahverkehrs gegen seine Kunden ins Gesicht. Vor Allem eine Klientel scheint es den Betreibern von BoGeStra und Co. angetan zu haben. Die Jugend. Wie immer. „Unsere Kunden wünschen saubere Busse und Bahnen.“ Mit diesem Argument wird gegen diese wohl größte Benutzergruppe ins Feld gezogen. Und gerade sie werden sogar als „Kunden“ ausgeschlossen. Eigentlich würde ja ein Verbotsschild ausreichen, dass es Tieren verbietet, das Verkehrsmittel der Wahl zu betreten, das schlösse die Frechdachse und Schmierfinken aus. Denn eigentlich richten sich jegliche neu geschaffenen Verbotsschilder gegen die rebellische, zügellose Jugend, die sich selbst nicht im Griff hat und nur aus einem Grunde das Haus verlässt: Zerstörung und Verwüstung so weit das Auge reicht. Die Weltmächte sähen mit ihren lächerlichen Atomraketen ziemlich albern aus, stünden sie einer Armee rekrutierter Aknesoldaten gegenüber, die sich mit Pommes, Bier und Musikhandys bewaffnet haben, um der Erwachsenenwelt, Busfahrer zuerst, den Garaus zu machen. Um sie zu zähmen, gibt es seit Neustem jene erwähnten Verbotsschilder, auf deren Hinweis auf Einhaltung die Führer von Bus und Bahn in wochenendfüllenden Workshops trainiert werden – sogar Weicheier und Frauen werden auf eine Terminator-Stimme getrimmt – und deren Missachtung die Todesstrafe durch Rädern führt. Die jugendlichen Nicht-Kunden werden nämlich dazu aufgefordert, auf jegliche Einnahme von Ess- und Trinkbarem während ihrer Fahrt zu verzichten. Ebenso ist es ihnen versagt, eine jedwede Fahrt, sei sie auch noch so langweilig und zermürbend, durch Zerstreuung mittels musikalischer Klänge, zu versüßen. Denn hier fängt ja das Übel schon an. Hier wird doch ein Kind schon auf den Marschrhythmus gegen die Vernunft geprügelt. In Zeiten, wo man wegen S/M-Fotos im CD-Booklet auf den Index wandert, ziehen die ÖPNV-Schaltstellen alle Register. Hier geht es um die Vernichtung eines Kundenstammes, die Verbannung des gesellschaftlichen Aussatzes mit Fanta- Frisur aus dem öffentlichen Raum, die systematische Zerstörung der jugendlichen Wut.
Doch: Stellen wir uns mal ein Deutschland vor, in dem die Eltern jeglicher Schulpflichtiger ihre Söhne und Töchter mit dem eigenen Auto zur Schule bringen, weil der Kontrolleur demnächst nicht mehr nach dem Schokoticket, sondern nach dem Ausweis fragt. Unter 21-Jährige sind nämlich fortan nicht mehr berechtigt, den Nahverkehr zu nutzen und müssen auf private Verkehrsmittel zurückgreifen, zur Not also auch per pedes reisen.

Es bleibt nur eine Frage: Wie lange werden die Teenager sich das noch gefallen lassen? Vielleicht organisieren sie sich schon im Untergrund und planen einen großen Vernichtungsschlag gegen die Volljährigen. Nicht umsonst werden Raptexte und Computerspiele immer aggressiver, aufkochende Gewalt springt in hanebüchenen Schlagzeilen von den Tagesspiegeln. Die dem Druck der Geheimhaltung über ihre deutschlandweiten Gruppierungen nicht standhalten, rasten aus und veranstalten Massaker an Bildungsstätten. Wir haben also Grund zur Furcht, denn wir stehen kurz vor der pubertären Apokalypse.

Vielleicht bekommen die Vor-Twens dabei sogar Unterstützung von anderen Gruppierungen. Zum Beispiel von denen, die sich auffe Firma mit Pressluft die Kleidung reinigen oder von Krawattenträgern bei Mäckes… siehe folgende Beispiele:



v.l.n.r.: Bedienung mit Krawatte verboten; Kleiderreinigung mit Pressluft verboten; Mitfahren auf Gabelstapler verboten; Verbot für Personen mit Metallimplantaten; Auf Regale klettern verboten, Auf Hubwagen fahren verboten... (Grafiken von www.verbotsschilder.de)
Cheers! h*

Dienstag, 26. Januar 2010

Session in C-Moll oder: Warum Nachbarn keine Gäste mögen


Als ich am Wochenende Besuch empfing, zeigte sich mein Nachbar wieder von seiner besten Seite. Ich gebe zu, dass es nicht gerade nachbarschaftlich ist, nachts um Drei Klavier zu spielen. Jedoch hatten mein Kumpan und ich einige Kronen Export gekillt und da muss ein Musiker tun, was ein Musiker tun muss.
Denn gerade der Konsum von Alkohol und Marihuana scheint bei Kreativköpfen einen unzubändigenden Drang nach dem Ausüben ihrer künstlerischen Tätigkeit zu fördern. Nicht umsonst veranstaltet man in Clubs weltweit die berüchtigten „Sessions“, die einzig und allein dazu geschaffen sind, Musikern und solchen, die es gern wären, eine Plattform zu schaffen, um diesem Drang nachzugeben. Mir ist bis heute schleierhaft, warum ebenfalls Nicht-Musiker aus freien Stücken einer Session beiwohnen. Das Herumgehacke auf einem Akkord oder einem Bluesschema, was eigentlich darin besteht, dass die Rhythmusgruppe unartikuliert rumklimpert und ein Gitarrist oder Saxophonist seiner Profilneurose in 15-minütigen Soli (auch Ejakulieren genannt) freien Lauf lässt, kann für unverständige Außenstehende weder unterhaltend noch musikalisch ansprechend sein. Sei’s drum –und den Wirten jener Veranstaltungsorte gegönnt, dass es immerhin ein Publikum gibt, das Getränke verzehrt… Denn beliebt sind die Sessions ohne Frage. Das Skurrilste, was mir in diesem Zusammenhang je untergekommen ist, war eine Party in einer Riesen-WG, in der zu oben beschriebenem Zwecke ein eigener Raum eingerichtet wurde, in dem Instrumente jedweder Art deponiert bereit lagen, darunter die obligatorische Djembe-Trommel nebst Didgeridoo, Nylonklampfe und Melodika. Zu fortgeschrittener Stunde konnte man dann, dem Krach folgend, die Begegnung mit in Trance wackelnden Zugedröhnten machen, die eben jenes musikalische Rumgehampel vollführten, was dem geneigten oder genervten Zuhörer schon lang vorher wabernd den Gang entgegen scholl.

Wie auch immer, an diesem Abend wollten auch mein Besuch und ich nach der Einnahme besagten Bieres eine kleine Session zelebrieren und nutzten dazu auch mein kleines Kofferpiano. Zunächst sollte ein Grundrhythmus eingedroschen werden, erstellt mittels modernster Computersoftware, die so einfach zu bedienen ist, dass man auch getrost mit 4,3 Promille noch eine Songskizze einhämmern könnte – der Quantisierung sei Dank! Die Erstellung dessen erforderte E-Gitarre, leicht verzerrt; E-Bass und Hammondorgel sowie E-Drums über MIDI-Steuerung. Als der Song stand, musste noch ein Klavierpart eingehackt werden, der, so waren wir uns beide einig, nicht aus der Büchse kommen sollte. Schnell mikrofoniert, gepegelt und schon wurde mit Hingabe mindestens vierzig Minuten gejammt, was das Zeug hielt. Als schließlich der Session-Song im Kasten war, fielen wir betrunken ins Bett. Zuvor hatte ich noch das Schlafsofa auszuziehen, was im betrunkenen Zustand doppelt so lang dauerte wie sonst, also geschätzte drei Minuten. Dieses Detail ist wichtig für den weiteren Verlauf meiner Erzählung.
Am nächsten Morgen nämlich, so gegen zehn Uhr, also nach gefühlten dreißig Minuten Schlaf, schepperte es vom Erdgeschoss her und hallte durch den Rathausflur meines Kopfes: „Schöner fremder Mann, du bist lieb zu mir…“ Lüggemann! Du Arschgesicht! Mit einem dezenten Klopfen auf den Parkettboden meines Schlafzimmers wollte ich meinen Nachbarn zur Räson bringen, was Eins A funktionierte. Genau im nächsten Refrain nämlich drehte er doppelt so laut und jetzt war der Sound so glasklar, als käme er von einem dieser neuzeitigen Handys, die gemeinhin in Elektrogeschäften als Ghettoblaster verkauft werden. Doch nun nicht nur nervend vom Vierer gegenüber, sondern direkt vors Trommelfell implantiert: „Schöner fremder Mann, dann fängt für uns die Liebe an…“ Sofort sprang ich auf, strauchelte vor Müdigkeit und Restalkohol und fiel auf den Hintern. Gepeinigt von den schmerzenden Klängen von unter dem Holzboden und dem Stechen am Steiß stand ich auf, rasend vor Wut, und schmiss mich in Jogginghose und Pantoffeln und stampfte das Treppenhaus runter. Lüggemann hatte die Musik so laut gedreht, dass er nicht einmal das Rammen meines gesamten Körpers gegen seine Wohnungstür bemerkte, was ich einige Male wiederholte. Auch das Schlagen mit den geballten Fäusten und die Tritte mit dem Fuß ließen ihn kalt. Und dann füllte sich ein vermeintlicher Filmriss wieder mit dem fehlenden Schnipsel. Wahrscheinlich hatten die, zugegeben grandiosen, Klaviersoli letzte Nacht für Schlafmangel Lüggemanns gesorgt. Und nun wollte er sich mit ekelhaft lauter Schlagermusik dafür rächen. Schutz vor weiterer Schmach suchend, drehte ich der Wohnungstür den Rücken zu und wollte gerade resignierend das Treppenhaus wieder hochsteigen, da steht er in der Tür. Puterroter Kopf, schnaubend wie ein Stier in Pamplona und aus den Nüstern qualmend, was allerdings eher an der Zigarette in seiner Hand stammen mochte, rief er hinter mir her: „Ey!“ Ich drehte mich um und erstarrte bei seinem Anblick zur Salzsäule. Gerade wollte ich mich kleinlaut für die kleine Nachtmusik entschuldigen, da bollert er schon in reinem Pottdeutsch los. „Da hab ich nur drauf gewartet“, faucht er. „Dat hab ich extra gemacht! Ich komm vonne Arbeit und will schlafen. Und wat macht ihr da oben?“ Wieder unternahm ich einen Versuch die Eskalation durch Entschuldigung zu stoppen, doch er schrie weiter. „Um halb drei is bei euch Möbelrücken angesacht oder wat? Wer nimmt eigentlich ma Rücksicht auf mich?“ Die Wendung! Das ist die Höhe! Nicht das stundenlange Musizieren war ihm offensichtlich auf den Geist gefallen. Nein, was ihn gestört hatte, war lediglich das Ausziehen der Couch für meinen nächtlichen Gast! Und das hatte gerade mal drei Minuten gedauert. War Lüggemann also einfach mal wieder scheiße drauf und brauchte ein Ventil. Die folgende Diskussion endete dann auch mit einem Knallen der Tür seinerseits und einem verständnislosen Kopfschütteln meines Rathausdaches. Naja, zumindest war mit diesem bescheuerten „Gespräch“ das WDR4-Frühstücksprogramm vorbei und ich konnte noch ein paar Stunden Rausch ausschlafen. Verkackte Nachbarn…!
Cheers! h*

Sonntag, 24. Januar 2010

Das fehlende Leid oder: Warum die Deutschen keinen Rhythmus haben


Ich hatte vor ein paar Tagen ein interessantes Gespräch. Seitdem scheint mir ein Phänomen, das ausschließlich deutscher Natur zu sein scheint, erklärbar. In letzter Zeit mache ich offensichtlich immer mehr augenöffnende Begegnungen, die mir das Leben und andere Schikanen systematisch einsehbar machen. Thematisch könnte man sagen, es ging in besagtem Gespräch um Blues.
Zwei Fragen drängen sich dem nichtdeutschen Betrachter auf, wenn er einmal die Musikkultur unserer schönen Bundesrepublik kennenlernt. Zum Einen: Wie konnte sich eine derart nervtötende Volksmusik entwickeln und warum zur Hölle klatscht man in Deutschland auf betonten Zählzeiten? Auf beides scheint es eine Antwort zu geben, welche die gesamte deutsche Unart vom Umgang Otto Normals und Frank Mustermanns mit Musik im Allgemeinen umreißt: Bequemlichkeit.

Wächst man wie ich mit Dire Straits, Beatles und Clapton auf, so sollte man meinen, hat man kein Problem, ein annäherndes Verständnis für Rhythmus und Blues zu entwickeln. Und ich wäre bestimmt heute kein Songwriter, wenn nicht meine Mutter trotz meiner jugendlichen Unkenntnis von der Wichtigkeit dieser Künstler und der damit verbundenen Ablehnung derselben ihre Werke im Hause Weyland rauf und runter gespielt hätte. Nur scheint das nicht Alles zu sein. Denn ich schäme mich immer fremd, wenn ich auf Konzerten umringt von tausenden anderen Bleichnasen, vom Frontmann dazu aufgefordert werde, „to clap hands“, und alle einstimmig beginnen, die betonten Zählzeiten Eins und Drei mit ihrem Klatschen zu veredeln. In wie vielen Backstageräumen das schon ein Running Gag sein muss, wieder zu den „One and Threes“ auf die Bühne zu müssen, mag ich mir gar nicht vorstellen. Es muss mindestens genauso erbärmlich sein, wie für einen gebürtigen Afroamerikaner aus New Orleans in einen katholischen Gottesdienst in St. Hassenichtgesehn im Sauerland gesteckt zu werden. Und wir waren bestimmt nicht die einzige Familie, in der Platten von Clapton und Co. liefen. Es muss also etwas Genetisches sein, was den Deutschen zur Unfähigkeit zwingt, Groove zu verstehen.
Sagen wir mal so: Die betonten Zählzeiten 1 und 3 sind uns durch klassische und Volksmusik über Jahrhunderte eingeimpft worden, dass dieses Metrum ins deutsche Erbgut gelangte, sich dort festsetzte und auch durch hartes Training nicht unterdrückt werden kann. Groove ist dem durchschnittlichen Quadratkopf (liebevoller Kosename für das deutsche Volk in Iberien) eher ein Fremdwort. Groove ist das Puzzle aus metrischen Einheiten. Nehmen wir mal Rockmusik: Das Schlagzeug bedient die betonten Zählzeiten, ein Handclap soll ein rhythmischer Gegenpuls sein, der den Groove komplettiert. Leider besitzt nun der Deutsche aus einem einzigen Grunde, und zwar aus einer urdeutschen Charakterschwäche, kein Verständnis für das Dagegen: Er ist zu bequem. Deshalb klatscht man von Hamburg bis München fröhlich mit dem Metrum und bringt seit jeher ganze Generationen von aus dem Ausland kommenden Rock- und Popbands aus dem Takt.

Diese Tatsache geht Hand in Hand mit einer weiteren: Der Entstehung von ätzender Volksmusik. In Irland wird mit Fidel besoffen auf Tischen und Bänken getanzt, in Schottland steppt man nackig unterm Rock mit Dudelsack beschwingt durch den Pub, in Amerika tritt man kurzerhand mit Mundharmonika und drei Akkorden auf der Klampfe echte Revolutionen gegen Krieg und soziale Ungerechtigkeit los und in Deutschland? In Deutschland sitzen sie da, einträchtig ineinander gehakt und schunkeln von rechts nach links zum Vollplayback mit Akkordeon, während ein Albino Haselnüsse und Postkutschen besingt. Toll. Und warum? Bequemlichkeit. Sitzkonzerte haben hier eine lange Tradition. Bloß nicht zu viel bewegen. Und schön den Bierbauch auf den Oberschenkeln ablegen. Und auf Eins und Drei klatschen.

Woher kommt das?
Tendenziell gesehen gab es in Deutschland und all seinen Vorformen nie genügend Leid dafür. Blues ist der Klagegesang des schwarzen Mannes gegen seine weißen Unterdrücker, Jazz ist der gelebte Wunsch nach Freiheit, Gospel die Anrufung um Hilfe bei Gott in bitterster Not und Swing ist das Aufbäumen der Jugend gegen die verspießte Obrigkeit.
Klassik hingegen ist -zum Beispiel- die Unterhaltungsmusik von bis zu den Ohrläppchen gepuderten Perückenträgern in bis zur Atemnot geschnürten Korsetts und Kleidungsstücken, in denen man nur seitwärts durch die Portale der Herrenhäuser passt.

Das zieht sich bis in die Neuzeit: Aus Amerika kommende Künstler haben meist einen größeren Leidensdruck. Sie lernen mit acht Jahren das Spiel der Gitarre, brechen mit Zweiundzwanzig ihr Studium ab, geben Hab und Gut auf, vernichten ihren Anspruch auf Sicherheit, geben einen Fick auf Versicherungen und leben ihre Musik.
Der Deutsche nimmt musikalische Früherziehung, danach lernt er Cello, stellt das Instrument während der Pubertät wieder in die Ecke, beschließt nach dem Abitur Schlagzeugunterricht zu nehmen und tritt einer durchschnittlichen Rockband bei. Und obwohl er studiert, einen Bürojob besetzt und währenddessen die Musik so nebenher laufen lässt, erwartet er mit Fünfzig immer noch den großen Durchbruch und träumt von Koks, Groupies und einer Welttournee. Den Wenigsten gelingt das.
Was bringt also jeweils der Tommy und der Michel auf die Bühne? Der Eine muss, denn Musik ist das Einzige, was er hat. Er lebt davon und dafür, und bekommt er keine Zuhörer, hat er das Problem, sich resozialisieren zu müssen. Er reißt sich den Arsch auf, um dem zu entgehen. Das kommt so auf die Bühne.
Der Andere kann, wenn er Zeit hat und spielt, wenn er Urlaub bekommt und auf der Firma nicht grad das Weihnachtsgeschäft läuft. Er muss nichts damit verdienen, er ist privatversichert und kennt die Stones-Best-Of und kann Statisfaction ganz passabel unter der Dusche trällern. Ist der Auftritt vorbei, geht er nach Hause und morgens steht seine Brötchentüte vor der Tür. Das bringt jener ebenfalls auf die Bühne.

Und wenn man sich ein Konzert von einer deutschen Vorort-Emo-Band anschaut, hat man das Gefühl, nicht nur die Schminke sei Fassade, denn Leiden, so denkt der Durchschnittsdeutsche, ist wohl ein Ort in den Niederlanden. Denn, was rüberkommt, ist nix.
Musik nämlich wird am Limit gemacht. Nicht umsonst sind die besten Platten auf Alk, Koks und Schore entstanden. Die besten Künstler daran vor Vollendung ihres 40ten Lebensjahres krepiert. Und wenn man ihnen noch zeitlebens über den Weg läuft, erscheinen sie als die größten Arschlöcher. Sieht man sie allerdings auf der Bühne, fragt man aber nicht mehr nach, sondern fühlt einfach ihr Leiden mit und glaubt ihnen jede einzelne Handbewegung und jeden krummen Ton. Das ist der feine Unterschied.
Cheers! h*

Donnerstag, 21. Januar 2010

Vom Erwachsenwerden oder: Warum mit deutschem Hip Hop nix mehr los ist


Mein Vater hat mir zu Weihnachten ein unvergleichlich wertvolles Geschenk gemacht. Und wir reden hier nicht von Ferrero Küsschen oder unsäglichen, verbrannten Kokosmakronen. Auch hat er sich diesmal selbst übertroffen, was daran liegen mag, das ich mir jenes Geschenk selbst aussuchen durfte. So ließ sich das (leere!) Fotoalbum vermeiden, auf dessen Deckel eine rassige 90er-Amazone mit hautenger Leggins und wallender Dauerwelle in einen Maschendraht greift und lasziv ein Testosteronmonster im engen White-Tee angeilt, untertitelt mit dem Wörtchen Desire in geschwungener Schrift im unteren rechten Bildrand. Jenes Geburtstagsgeschenk, das meine Mutter zur Weißglut trieb und frötzelte, ob es im nächsten Jahr die dazugehörigen Fotoecken gebe. Und eigentlich klingt es im Grunde auch sehr unspektakulär, was vergangenes Weihnachten seinerseits den Gabentisch füllte, denn was mein Vater mir überreichte, war eine gebrannte DVD, die wir uns gleich gemeinschaftlich im Wohnzimmer meiner Großmutter anschauten. Was da über den Bildschirm flackerte, bewegte mich: Es war mein erster Auftritt im Mai 2000 auf dem Fröndenberger Stadtfest mit meiner damaligen Hip-Hop—Kombo „Querbeat“. Mein Kollege und Mitrapper Andreas (MC Andy) und ich waren Teenie-Landeier, wie sie im Buche stehen. So wussten wir zum Beispiel grünohrig nicht, dass zur gleichen Zeit, als wir mit Hosen, die Rainer Calmund als bequem empfunden hätte, Coolness verkauften, in deutschen Großstädten peinliche Ü40- und 80er-Jahre—Parties unter demselben Motto stattfanden, unter dem unsere deepe Underground-Rap-Band stand.


Was mich an dem digitalisierten Videoband rührte, war nicht etwa die Faszination am frech-jugendlichen Auftreten meiner Selbst oder das Zurücksehnen an die längst vergessene Unbefangenheit jener Tage. Nein, was mich faszinierte, war, dass zwei absolute Grünschnäbel bei ihrem ersten Auftritt ein derart großes Publikum haben konnten. Zum Einen mag das daran liegen, dass auf’m Dorf jede Veranstaltung ausgebucht ist, wenn dafür mit dem Hinweis LIVE-Musik geworben wird. Das scheint einen kosmopoliten Touch, eine Ahnung von großem Eventcharakter zu vermitteln; ist ja auch eine willkommene Abwechslung zu Vera am Mittag oder DJ Manni im Saalbau Schulte. Was aber an diesem sonnigen Nachmittag im Monat Mai maßgeblich zur reichen Zahl unserer kopfnickenden Zuhörer beitrug, war unstrittig die damalige Beliebtheit des Genres rund um den Sprechgesang, das Andy und ich zielgenau und authentisch bedienten. Auch wenn wir ganze Songs über Marihuana schrieben („Mary J., meine Liebe gilt der Tüte, weil ich sie wie meinen Augapfel behüte…“), ohne jemals selbst einen Joint auch nur aus der Entfernung gesehen zu haben. Credibility ist eben alles im Underground-Rap-Business.
Die landläufige Begeisterung für diese Musik also bescherte Querbeat für die folgenden Konzerte volles Haus und so boten wir in Sauerländer Jugendzentren und auf dörflichen Skateboardcontests unsere rhythmische Straßenlyrik unduchten Pubertierenden dar. Und allen quoll die Coolness aus jeder Faser ihrer Baggiepants und hüpfte von den Schirmen der Baseballcaps.

Was aber führte in den Folgejahren dazu, dass sich Tante Hip Hop rasant auf den absteigenden Ast begab und plötzlich nur noch Alles zerfickende Sprachbanausen das Zepter in die Hand nahmen? Warum ließ sich Deutschlands Jugend mit soviel Banalität und Fäkalvulgarismus zufrieden stellen, war man doch vorher auf Flow, Doppelreime und tiefsinnige Metaphern erpicht. Sagen wir mal so, es ist offensichtlich nicht dieselbe Jugend, die Deichkind noch als wortgewandte Waterkantmusiker kennenlernen durfte, sondern eine, die auf Krawall und Remidemmi genauso abfährt wie auf „Mein Block“. Die Jugend oder sagen wir die „Klasse von ‘95“, und Querbeat war ein produktiver Teil dieser, ist wohl erwachsen geworden und geht mittlerweile auf Jazzkonzerte, Literaturlesungen und Weinverkostungen. Ein beträchtlicher Teil wird allerdings dafür verantwortlich sein, dass Dendemann auch heute noch mit der gleichen rhetorischen Redekunst auf dem Splash gastieren darf wie einst mit seinem monatelang die Spitze der deutschen Charts anführenden Gefährlichen Halbwissen. Einige der alten Helden sind nicht tot zu kriegen und auch ich schwinge hin und wieder noch den Füller, um der alten Zeit zu frönen. Doch auch ich habe mittlerweile das Spiel der Gitarre erlernt und schreibe Countrysongs. Für Frauenarzt und Massiv allerdings fehlt mir bisher immer noch jegliche Antenne, um zu verstehen, was das mit Coolness oder Humor zu tun haben soll.
Cheers! h

Mittwoch, 20. Januar 2010

Herzlich Willkommen... oder: Warum eigentlich?


Eigentlich ist alles wie immer. Ich sitze am Küchentisch, vor mir eine Tasse schwarzer Kaffee; das Ticken der Wanduhr und das Sirren des Kühlschrankes, sowie das Rauschen der Heizung füllen akustisch den Raum. Vom Balkon blitzt ein Sonnenstrahl durchs fleckige Fensterglas. Der Nachbar schraubt im Hinterhof an seinem Roller und lässt -auch dank der wunderbaren Soundveredelung durch die schlauchartige Architektur der ehemaligen LKW-Einfahrt der Weinkellerei Karl Axt- die gesamte Nachbarschaft über jeden kleinen Erfolg und Misslingen seiner groben Handgriffe teilhaben. Laut fluchend wirft er Werkzeug hin und her, brabbelt unverständliche Fetzen vor sich hin und hustet ab und an so rotzschallend, als stürbe er den bitteren Rauchertod. Jetzt scheint er ein Problem identifiziert zu haben, denn ein „Ha!“ rennt die Hauswand hoch und dringt zu mir an den Tisch, wo ich, das Netbook aufgeklappt, sitze und soeben kostenfreien Webspace erworben habe, um das Netz mit meinem unsinnigen Senf zu bereichern.

Ich brauche einen Blog. Jeder kreative Mensch braucht das. Oder jeder, der keine Freunde hat, aber trotzdem die Welt an seinem langweiligen Leben teilhaben lassen möchte. „War gerade einkaufen. Mann, was für ne geile Schnalle an der Schnellkasse…“ Zugegeben auch kein Deut besser als „Ich sitze am Küchentisch, vor mir eine Tasse schwarzer Kaffee…“ aber immerhin darf ich es als Literatur verkaufen. Denn ich bin ja Künstler oder zumindest (immer noch) Studierender der Germanistik. Wo man prinzipiell auch Einkaufszettel für potentiell literarisch hält und an ihnen eine Mikroanalyse durchführt, bis man die Tiefenstruktur von „Butter, Quark, Schalotten, Karotten“ im Telegrammstil des hungrigen Autors herausgearbeitet hat. Man beachte ebenfalls den ungemein findigen Binnenreim in Zeile 3 und 4.


Warum eigentlich?
Eigentlich habe ich ja keine Langeweile. Nichts zu erzählen und wenn ausnahmsweise doch, erledige ich das in Songs. Und mein Leben als virtuelles Tagebuch, von Jedermann einzusehen, zu veröffentlichen liegt mehr als fern. Vielleicht möchte ich nur in dieser Welt ankommen. Dabei sein. Dazu gehören. Twittern, Myspacen, Bloggen, Googeln, etc. Ich möchte nicht irgendwann feststellen, dass mein Sohn mich für einen Schnösel hält, weil ich mich vom digitalen Zeitalter entferne, ganz back to he roots Geschreibsel in Kladden und auf Zettelchen kritzel und einsiedelnd die Gemeinschaft der digitalen Brüder und Schwestern verneine. Also gewöhne ich mich doch daran, mich elektronisch zu offenbaren, um Zeitgeist zu beweisen. Herzlich Willkommen also. Macht hoch die Tür, die Tor macht auf für Hannes‘ virtuelles Opfer an die Moderne, den partiellen Tod der Privatsphäre eines jungen Vaters und billigen Ausverkauf eines schaffenden Künstlers. Willkommen im fünfmilliardsten Blog des WWW…
Cheers!h*