Mein Vater hat mir zu Weihnachten ein unvergleichlich wertvolles Geschenk gemacht. Und wir reden hier nicht von Ferrero Küsschen oder unsäglichen, verbrannten Kokosmakronen. Auch hat er sich diesmal selbst übertroffen, was daran liegen mag, das ich mir jenes Geschenk selbst aussuchen durfte. So ließ sich das (leere!) Fotoalbum vermeiden, auf dessen Deckel eine rassige 90er-Amazone mit hautenger Leggins und wallender Dauerwelle in einen Maschendraht greift und lasziv ein Testosteronmonster im engen White-Tee angeilt, untertitelt mit dem Wörtchen Desire in geschwungener Schrift im unteren rechten Bildrand. Jenes Geburtstagsgeschenk, das meine Mutter zur Weißglut trieb und frötzelte, ob es im nächsten Jahr die dazugehörigen Fotoecken gebe. Und eigentlich klingt es im Grunde auch sehr unspektakulär, was vergangenes Weihnachten seinerseits den Gabentisch füllte, denn was mein Vater mir überreichte, war eine gebrannte DVD, die wir uns gleich gemeinschaftlich im Wohnzimmer meiner Großmutter anschauten. Was da über den Bildschirm flackerte, bewegte mich: Es war mein erster Auftritt im Mai 2000 auf dem Fröndenberger Stadtfest mit meiner damaligen Hip-Hop—Kombo „Querbeat“. Mein Kollege und Mitrapper Andreas (MC Andy) und ich waren Teenie-Landeier, wie sie im Buche stehen. So wussten wir zum Beispiel grünohrig nicht, dass zur gleichen Zeit, als wir mit Hosen, die Rainer Calmund als bequem empfunden hätte, Coolness verkauften, in deutschen Großstädten peinliche Ü40- und 80er-Jahre—Parties unter demselben Motto stattfanden, unter dem unsere deepe Underground-Rap-Band stand.
Was mich an dem digitalisierten Videoband rührte, war nicht etwa die Faszination am frech-jugendlichen Auftreten meiner Selbst oder das Zurücksehnen an die längst vergessene Unbefangenheit jener Tage. Nein, was mich faszinierte, war, dass zwei absolute Grünschnäbel bei ihrem ersten Auftritt ein derart großes Publikum haben konnten. Zum Einen mag das daran liegen, dass auf’m Dorf jede Veranstaltung ausgebucht ist, wenn dafür mit dem Hinweis LIVE-Musik geworben wird. Das scheint einen kosmopoliten Touch, eine Ahnung von großem Eventcharakter zu vermitteln; ist ja auch eine willkommene Abwechslung zu Vera am Mittag oder DJ Manni im Saalbau Schulte. Was aber an diesem sonnigen Nachmittag im Monat Mai maßgeblich zur reichen Zahl unserer kopfnickenden Zuhörer beitrug, war unstrittig die damalige Beliebtheit des Genres rund um den Sprechgesang, das Andy und ich zielgenau und authentisch bedienten. Auch wenn wir ganze Songs über Marihuana schrieben („Mary J., meine Liebe gilt der Tüte, weil ich sie wie meinen Augapfel behüte…“), ohne jemals selbst einen Joint auch nur aus der Entfernung gesehen zu haben. Credibility ist eben alles im Underground-Rap-Business.
Die landläufige Begeisterung für diese Musik also bescherte Querbeat für die folgenden Konzerte volles Haus und so boten wir in Sauerländer Jugendzentren und auf dörflichen Skateboardcontests unsere rhythmische Straßenlyrik unduchten Pubertierenden dar. Und allen quoll die Coolness aus jeder Faser ihrer Baggiepants und hüpfte von den Schirmen der Baseballcaps.
Was aber führte in den Folgejahren dazu, dass sich Tante Hip Hop rasant auf den absteigenden Ast begab und plötzlich nur noch Alles zerfickende Sprachbanausen das Zepter in die Hand nahmen? Warum ließ sich Deutschlands Jugend mit soviel Banalität und Fäkalvulgarismus zufrieden stellen, war man doch vorher auf Flow, Doppelreime und tiefsinnige Metaphern erpicht. Sagen wir mal so, es ist offensichtlich nicht dieselbe Jugend, die Deichkind noch als wortgewandte Waterkantmusiker kennenlernen durfte, sondern eine, die auf Krawall und Remidemmi genauso abfährt wie auf „Mein Block“. Die Jugend oder sagen wir die „Klasse von ‘95“, und Querbeat war ein produktiver Teil dieser, ist wohl erwachsen geworden und geht mittlerweile auf Jazzkonzerte, Literaturlesungen und Weinverkostungen. Ein beträchtlicher Teil wird allerdings dafür verantwortlich sein, dass Dendemann auch heute noch mit der gleichen rhetorischen Redekunst auf dem Splash gastieren darf wie einst mit seinem monatelang die Spitze der deutschen Charts anführenden Gefährlichen Halbwissen. Einige der alten Helden sind nicht tot zu kriegen und auch ich schwinge hin und wieder noch den Füller, um der alten Zeit zu frönen. Doch auch ich habe mittlerweile das Spiel der Gitarre erlernt und schreibe Countrysongs. Für Frauenarzt und Massiv allerdings fehlt mir bisher immer noch jegliche Antenne, um zu verstehen, was das mit Coolness oder Humor zu tun haben soll.
Cheers! h

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