Freitag, 5. Februar 2010

…ein kleiner Nachtrag zum letzten Post


Just zwei Tage nach meinem letzten Post sprach ich mit einem Freund, der mir eine schier unglaubliche Geschichte erzählte. Er stieg dem Spannungsbogen einer Kurzgeschichte entsprechend medias in res mit den aufwühlenden Worten ein: „Ey, ich war im Knast.“ Natürlich war ich geschockt. Doch eher wegen des Warum, nicht, weil es mich schocken würde, dass ich mich mit Leuten umgebe, die mir solche Geschichten erzählen. Dass ich Menschen kenne, deren Grobschlächtigkeit sie in Institutionen befördern, deren bloße Erwähnung meiner Mutter ein Dorn im Auge gewesen wäre. Sie hätte mir auf der Stelle den Umgang verboten – genauso wie sie es für wichtig hielt, mich von Bands wie den Böhsen Onkelz und den Ärzten fernzuhalten. Völlig erfolglos, selbstverständlich.
Möglicherweise erwähnte ich bereits, dass ich streng christlich erzogen wurde, Kommunion wie Firmung für mich keine Frage waren, mehr noch das Messdienerdasein für mich eine dermaßen erfüllende Tätigkeit darstellte, dass ich es niemals für möglich gehalten hätte, mit Outlaws jenen Charakters in Kontakt zu geraten. Allerdings: Hätte ich nicht die Kurve gekriegt, auf der Schule den ein oder anderen nicht kennengelernt, der mir die Haare verfilzte –Danke, Jungs! – und mich auf den Weg brachte, der weg von der kirchlichen Unvernunft führte, würde ich heute noch Weihrauch schwenken, Kreuze tragen und dem Bischof des Nachbardorfes 60 Minuten lang seine Mütze halten (bescheuerter Job, ehrlich…). Aber so war es abzusehen. Meine Mutter sähe nämlich genau darin, in meiner werdenden Mündigkeit, die mich weg vom katholischen Glauben, hin zur Vernunft brachte, die Gefahr, die jetzt offenbar wurde. Es war soweit. Ungefähr zehn Jahre nach meiner beginnenden Abtrünnigkeit vom Wege Gottes, zehn Jahre nach meiner ersten CD der Toten Hosen mit dem – für den Haushalt Weyland – aufregenden und blasphemischen Titel „Die Toten Hosen – Unterwegs im Auftrag des Herrn“, eine Live-CD, die ich damals eckig gehört habe, passierte es wirklich: Jemand in meinem nächsten Bekanntenkreis war im Knast!

Sag mir, mit wem du gehst, und ich sage dir, wer du bist
. Schlaue Sprüche. Mitgehangen, mitgefangen. Ja, scheiße auch! Und ich war noch total perplex, als ich als Jugendlicher auf der Dorfkirmes von den dortigen Italienern verprügelt wurde, weil mein bester Freund, mit dem ich damals die Runden machte, Bomberjacke und weiße Schnürsenkel trug. Was mir egal war, er war ja schließlich mein Freund. Ich begriff erst viel später, wie schlimm es um seine geistige Gesundheit stand. Und jetzt das. Knast! Sicherheitsverwahrung! Ein guter Freund! Meine Mutter hätte mich sofort aus der Gemeinschaft der Christen exkommunizieren lassen, hätte sie gekonnt. Solche Menschen in meinem Umfeld…

Doch ist es jetzt sein vermurkster Charakter oder der Charakter der Gesellschaft, der ihn soweit brachte? Naja, zumindest begünstigte offenbar Alkohol die Entwicklung jenes Dramas, was sich zwei Nächte zuvor abgespielt hatte. Er lacht zwar mit der Pulle in seiner Hand, allerdings sind die Schrammen in seinem Gesicht deutlich zu erkennen. „Siehst du? Da haben sie mich auf den Boden gedrückt. Nur weil ich dazwischen gegangen bin.“

Wegen einer Falafel in einem Bus nämlich entbrannte die Tragödie. Ein offenbar magenschleimhautkranker, vergrätzter Vollspaten hinter dem Lenkrad seines Personenbeförderungsmittels, hatte wohl in dieser Nacht extrem schlecht geschissen und die gute Laune meines Kompagnons vertrug sich nicht mit seinem blutigen Breistuhl. Und als der unterbezahlte Armleuchter dann auch noch den Imbiss in der Hand meines Freundes erspähte, – sofort sprang die im Workshop antrainierte Alarmleuchte an (ich berichtete, 28.01.2010)– da war es um die Menschlichkeit geschehen. Der natürliche Widerstand des angetrunkenen Inhabers der Falafel führte bei unserem Herrn Nachtschichtler zu derart heißer Galle, dass der kurzerhand die Polizei verständigte. An der nächsten Haltestelle flogen also nicht nur Kumpan samt Fresstüte, sondern auch dessen Freundin aus dem Gefährt. Die Herzdame wurde an Ort und Stelle in Gewahrsam genommen, was natürlich meinem Freund nicht passte. Der ging dazwischen, wurde niedergeprügelt und wie ein Schwerverbrecher sofort in Sicherheitsverwahrung genommen.

Meiner Meinung nach wäre das eine astreine BILD-Schlagzeile: Im Knast wegen Falafel. Oder: Staatsgewalt rastet wegen Futterneid aus. Wie auch immer, irgendetwas stimmt nicht mit unserem ÖPNV. Ich erinnere mich an meine hochschwangere Freundin, der die Mitfahrt im Bus verweigert wurde, da sie ihre Wasserflasche mit sich trug. Im Hochsommer. Wo ein normaler Kreislauf sich schon in ein Karussell verwandelt. Ganz zu schweigen von einem hormonmalträtierten, der dazu noch anderthalb mal mehr Weg macht.

Liebe Busfahrer, ich kann verstehen, dass ihr untervögelt seid, wegen eurer beschissenen Schichten, der dreisten Gäste und der vielen Schlaglöcher, vor allem jetzt im Winter. Es muss schwierig sein, sich alle Nase lang neue Preise merken zu müssen und sich an neue Technologien zu gewöhnen. Und trotzdem immer den gleichen Weg zu fahren, nix Neues zu sehen. Ihr tut mir leid. Ehrlich. Die marodierende Jugend zu ihren Bildungsstätten zu fahren und nachts die desillusionierten Brechdurchfälle aus den Ecken wischen zu müssen. Aber, hey, Taxifahrer haben auch einen üblen Job. Ganz zu schweigen von den Lehrern. Und warum ein wahrhaft wohlsortierter Mittzwanziger, Student und frisch Verliebter, in Feierlaune samt Freundin im KNAST landet, wegen einer bekackten FALAFEL!, ist mir einfach unerklärbar. Und leider fehlt mir da auch jedwede Fähigkeit zur Contenance. Sorry hierfür…
Cheers! h*

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