Ich hatte vor ein paar Tagen ein interessantes Gespräch. Seitdem scheint mir ein Phänomen, das ausschließlich deutscher Natur zu sein scheint, erklärbar. In letzter Zeit mache ich offensichtlich immer mehr augenöffnende Begegnungen, die mir das Leben und andere Schikanen systematisch einsehbar machen. Thematisch könnte man sagen, es ging in besagtem Gespräch um Blues.
Zwei Fragen drängen sich dem nichtdeutschen Betrachter auf, wenn er einmal die Musikkultur unserer schönen Bundesrepublik kennenlernt. Zum Einen: Wie konnte sich eine derart nervtötende Volksmusik entwickeln und warum zur Hölle klatscht man in Deutschland auf betonten Zählzeiten? Auf beides scheint es eine Antwort zu geben, welche die gesamte deutsche Unart vom Umgang Otto Normals und Frank Mustermanns mit Musik im Allgemeinen umreißt: Bequemlichkeit.
Wächst man wie ich mit Dire Straits, Beatles und Clapton auf, so sollte man meinen, hat man kein Problem, ein annäherndes Verständnis für Rhythmus und Blues zu entwickeln. Und ich wäre bestimmt heute kein Songwriter, wenn nicht meine Mutter trotz meiner jugendlichen Unkenntnis von der Wichtigkeit dieser Künstler und der damit verbundenen Ablehnung derselben ihre Werke im Hause Weyland rauf und runter gespielt hätte. Nur scheint das nicht Alles zu sein. Denn ich schäme mich immer fremd, wenn ich auf Konzerten umringt von tausenden anderen Bleichnasen, vom Frontmann dazu aufgefordert werde, „to clap hands“, und alle einstimmig beginnen, die betonten Zählzeiten Eins und Drei mit ihrem Klatschen zu veredeln. In wie vielen Backstageräumen das schon ein Running Gag sein muss, wieder zu den „One and Threes“ auf die Bühne zu müssen, mag ich mir gar nicht vorstellen. Es muss mindestens genauso erbärmlich sein, wie für einen gebürtigen Afroamerikaner aus New Orleans in einen katholischen Gottesdienst in St. Hassenichtgesehn im Sauerland gesteckt zu werden. Und wir waren bestimmt nicht die einzige Familie, in der Platten von Clapton und Co. liefen. Es muss also etwas Genetisches sein, was den Deutschen zur Unfähigkeit zwingt, Groove zu verstehen.
Sagen wir mal so: Die betonten Zählzeiten 1 und 3 sind uns durch klassische und Volksmusik über Jahrhunderte eingeimpft worden, dass dieses Metrum ins deutsche Erbgut gelangte, sich dort festsetzte und auch durch hartes Training nicht unterdrückt werden kann. Groove ist dem durchschnittlichen Quadratkopf (liebevoller Kosename für das deutsche Volk in Iberien) eher ein Fremdwort. Groove ist das Puzzle aus metrischen Einheiten. Nehmen wir mal Rockmusik: Das Schlagzeug bedient die betonten Zählzeiten, ein Handclap soll ein rhythmischer Gegenpuls sein, der den Groove komplettiert. Leider besitzt nun der Deutsche aus einem einzigen Grunde, und zwar aus einer urdeutschen Charakterschwäche, kein Verständnis für das Dagegen: Er ist zu bequem. Deshalb klatscht man von Hamburg bis München fröhlich mit dem Metrum und bringt seit jeher ganze Generationen von aus dem Ausland kommenden Rock- und Popbands aus dem Takt.
Diese Tatsache geht Hand in Hand mit einer weiteren: Der Entstehung von ätzender Volksmusik. In Irland wird mit Fidel besoffen auf Tischen und Bänken getanzt, in Schottland steppt man nackig unterm Rock mit Dudelsack beschwingt durch den Pub, in Amerika tritt man kurzerhand mit Mundharmonika und drei Akkorden auf der Klampfe echte Revolutionen gegen Krieg und soziale Ungerechtigkeit los und in Deutschland? In Deutschland sitzen sie da, einträchtig ineinander gehakt und schunkeln von rechts nach links zum Vollplayback mit Akkordeon, während ein Albino Haselnüsse und Postkutschen besingt. Toll. Und warum? Bequemlichkeit. Sitzkonzerte haben hier eine lange Tradition. Bloß nicht zu viel bewegen. Und schön den Bierbauch auf den Oberschenkeln ablegen. Und auf Eins und Drei klatschen.
Woher kommt das?
Tendenziell gesehen gab es in Deutschland und all seinen Vorformen nie genügend Leid dafür. Blues ist der Klagegesang des schwarzen Mannes gegen seine weißen Unterdrücker, Jazz ist der gelebte Wunsch nach Freiheit, Gospel die Anrufung um Hilfe bei Gott in bitterster Not und Swing ist das Aufbäumen der Jugend gegen die verspießte Obrigkeit.
Klassik hingegen ist -zum Beispiel- die Unterhaltungsmusik von bis zu den Ohrläppchen gepuderten Perückenträgern in bis zur Atemnot geschnürten Korsetts und Kleidungsstücken, in denen man nur seitwärts durch die Portale der Herrenhäuser passt.
Das zieht sich bis in die Neuzeit: Aus Amerika kommende Künstler haben meist einen größeren Leidensdruck. Sie lernen mit acht Jahren das Spiel der Gitarre, brechen mit Zweiundzwanzig ihr Studium ab, geben Hab und Gut auf, vernichten ihren Anspruch auf Sicherheit, geben einen Fick auf Versicherungen und leben ihre Musik.
Der Deutsche nimmt musikalische Früherziehung, danach lernt er Cello, stellt das Instrument während der Pubertät wieder in die Ecke, beschließt nach dem Abitur Schlagzeugunterricht zu nehmen und tritt einer durchschnittlichen Rockband bei. Und obwohl er studiert, einen Bürojob besetzt und währenddessen die Musik so nebenher laufen lässt, erwartet er mit Fünfzig immer noch den großen Durchbruch und träumt von Koks, Groupies und einer Welttournee. Den Wenigsten gelingt das.
Was bringt also jeweils der Tommy und der Michel auf die Bühne? Der Eine muss, denn Musik ist das Einzige, was er hat. Er lebt davon und dafür, und bekommt er keine Zuhörer, hat er das Problem, sich resozialisieren zu müssen. Er reißt sich den Arsch auf, um dem zu entgehen. Das kommt so auf die Bühne.
Der Andere kann, wenn er Zeit hat und spielt, wenn er Urlaub bekommt und auf der Firma nicht grad das Weihnachtsgeschäft läuft. Er muss nichts damit verdienen, er ist privatversichert und kennt die Stones-Best-Of und kann Statisfaction ganz passabel unter der Dusche trällern. Ist der Auftritt vorbei, geht er nach Hause und morgens steht seine Brötchentüte vor der Tür. Das bringt jener ebenfalls auf die Bühne.
Und wenn man sich ein Konzert von einer deutschen Vorort-Emo-Band anschaut, hat man das Gefühl, nicht nur die Schminke sei Fassade, denn Leiden, so denkt der Durchschnittsdeutsche, ist wohl ein Ort in den Niederlanden. Denn, was rüberkommt, ist nix.
Musik nämlich wird am Limit gemacht. Nicht umsonst sind die besten Platten auf Alk, Koks und Schore entstanden. Die besten Künstler daran vor Vollendung ihres 40ten Lebensjahres krepiert. Und wenn man ihnen noch zeitlebens über den Weg läuft, erscheinen sie als die größten Arschlöcher. Sieht man sie allerdings auf der Bühne, fragt man aber nicht mehr nach, sondern fühlt einfach ihr Leiden mit und glaubt ihnen jede einzelne Handbewegung und jeden krummen Ton. Das ist der feine Unterschied.
Cheers! h*

Heda!
AntwortenLöschenAuch wenn ich unter Lachen widersprechen muss (ich sach nur: Leiden in Holland!), ich tu's:
Ich sage nur "Die Gedanken sind frei", "Hejo, spann den Wagen an" und diverse Arbeiter- bis Bergmannslieder! Das Deutsche Volkslied ist weit entfernt vom Musikantenstadl und sowohl schön als auch tief und finster (wie der Blues, übrigens...)
Allerdings - das Geklatsche ist in der Tat anders. Aber wenn man einmal gesehen hat, wie das typische Mittelschichtspublikum einer stinknormalen Musiksendung am türkischen Nachmittag auf TRT bei Liedern im 9/8 oder 7/8 Takt mitklatsch(!), und zwar vollkommen(!) Sny(!)chron(!), dann muss man halt anerkennen: jeder Jeck is anders...
Aushilfe: auf Viertel klatschen lassen...;-)
http://www.youtube.com/watch?v=4i0dHfCIQZw