Montag, 26. April 2010

Schweigen ist Gold oder: Warum mehr manchmal weniger ist

Es ist vollbracht. Ab sofort gehört das Haus, in dem ich mit meiner Familie ein wirklich bezauberndes Appartement bewohne, dem arabischen Inhaber eines Sonnenstudios, wie ein Brief des neuen Eigentümers mir heute mitteilte. Und schon hat das Haus auch optisch an Charme verloren. Denn bereits gestern traf ich den Hausmeister, der vorm Hoftor auf einer Leiter stand, um den schönen Schriftzug der ehemaligen Weinkellerei und Schnapsbrennerei Karl Axt zu entfernen, der in Frakturlettern den Namen des Inhabers – und ebenfalls den seines Sohnes, der bis vor Kurzem unser Vermieter gewesen ist – lesbar machte. Heute erinnern nur noch die gekappten Stahlverankerungen an dessen einstige Existenz, die wie Stigmata aus der Hauswand über der Toreinfahrt ragen. Auch das schwere Messingschild neben der Haustür mit dem Hinweis auf die damalige Alkoholmanufaktur hat der Junior zurückgefordert und vom rheinländischen Ruheständler abschrauben lassen. Als ich mit meiner Freundin letztes Jahr einzog, hatte das Haus zumindest noch Esprit, jetzt ist es auch nur irgendein Haus in der Dortmunder Nordstadt, abgewohnt, halb leerstehend und abgewrackt. Wie alle anderen auch. Und der Hausmeister ist offensichtlich auch ganz froh, wenn er den Sauhaufen hier nicht mehr in Schach halten muss. Zumindest ist über seine Zukunft im Hause ehem. Axt noch nicht entschieden worden.
Alles geht den Bach hinunter. Ein Zitat frei nach Robert Jungk allerdings sieht das anders. Findige Nordstadtinitiatoren haben beim Erstellen des Plakates, das an der Heiligegarten-, Ecke Bornstraße eine Hauswand ziert, auch nicht zu tief gestapelt, als sie beim „freien“ Zitieren einfach mal „Welt“ durch „Nordstadt“ austauschten: Die Nordstadt kann verändert werden. Zukunft ist kein Schicksal. Und gegenüber am bewohnten Pendant zum sogenannten „Horrorhaus“ fehlt immer noch der Leuchtstoff im halben Schriftzug der hoffnungsvollen Parole Im Norden geht die Sonne auf. Widdewiddewitt und Drei macht Neune.
Vielleicht wäre es angebracht, den Slogan zu ändern, um die ganze Rutsche endlich mal wirklich in Fahrt zu bringen. Und was würde sich da besser eignen, als jene nicht totzukriegende Wendung, die alles und nichts bedeutet und daher branchenübergreifend immer wieder sinnfrei zum Einsatz kommt. Es geht um den mittlerweile zum feststehenden Begriff mutierten Leersatz der Endung …und mehr. Seit jeher versuchen mittelständische Unternehmen mit jenem beknackten Beisatz Kunden durch dieses esoterisch-geheimnisvolle Mehr anzulocken. Doch ist es nicht vielleicht sogar weniger, dieses Mehr? Oder gar noch klischeehafter, wenn für maritimen Fernurlaub und fischige Feinkost sogar die Rhetorikkeule geschwungen und klammerhaft von me(e)r gesprochen wird? Oder war es mee(h)r oder doch me(h)r? Ich weiß es nicht. Tatsache ist, dass es kaum noch einen Tante Emma-Laden, Kiosk oder Aquarienhändler gibt, der nicht behauptet, es gebe bei ihm noch mehr als es in seiner Branche üblich sei. Doch, um wieder mal mit Herrn Waalkes Formulierung zu polemisieren, was mögen uns diese Worte sagen? Was heißt es, wenn Kleinstunternehmer von mehr sprechen? Café und mehr, Textilien und mehr, Pflastersteine und mehr, Arschgeweihe und mehr… Heißt es wirklich: Hey, Leute, alle anderen verkaufen unter der Bezeichnung Kaffee und Kuchen, ich sogar Wasserpfeifen und Crack! Oder heißt es: Wer hier einkauft hat sich ruckzuck in meine Angestellte verliebt, sie geheiratet, drei Kinder mit ihr gezeugt und sich bis an sein Lebensende daran erinnert, dass er sie beim Kauf eines meiner Produkte kennen gelernt hat. Oder vielleicht auch: Meine Produkte zeichnen sich durch zusätzliche Eigenschaften aus, die unüblich sind, bspw. Kaffee, der wie Tee schmeckt; Fische die Milch geben; Gartenmöbel, mit denen man ins Internet gehen kann oder Bonbons, die einen auf die doppelte Körpergröße anwachsen lassen. Möglicherweise stellt das aber auch die Warnung dar, wie z.B. Wer hier nur einen Lolli kauft, muss erstmal den Laden putzen! Oder in der Gastronomie, dass in Arbeitskraft bezahlt werden muss, wie beispielsweise mit dem Reinigen des Küchengeschirrs. Steak und mehr bedeutete dann: Iss ein Steak und verbringe noch ein bisschen Zeit bei uns, die Friteuse müsste mal wieder gereinigt werden! Wer weiß…

Einer meiner absoluten Lieblingsslogans in der Hinsicht stammt übrigens von der Firma Blesel an der A46 in Hagen, welcher mittlerweile wahrscheinlich wegen der umstrittenen Marketingwirkung umformuliert wurde, leider. Und zwar warb die Firma vor ein paar Jahren mit dem Wortbrei Blesel – Fast alles für’s Büro. Na, toll. Noch besser, man würbe total wild entschlossen und standfest folgendermaßen: Weyland. Schuhe und so. Oder Weyland, Markenartikel u.ä. GmbH. Also, wie stelle ich mir das vor? Verkauft man bei Blesel Schreibtischstühle, aber keine Schreibtische? Radiergummis aber keine Bleistifte? Tinte aber keine Füllfederhalter? Oder verkaufen sie vielleicht Reizwäsche, Plüschhandschellen und Fetischgarnituren und haben eine kleine Abteilung mit Chinakladden und einen Moleskine-Aufsteller mit Notizheften und Agendas für freiberufliche Schriftsteller? Oder ist das eine juristisch vereinbarte Bezeichnung, damit sich keiner denkt: Ich benutze bei der Arbeit am PC immer eine Trockenhaube für meine Dauerwelle und Blesel hat ja alles für’s Büro, so auch genau eine solche. Und wenn es diese nicht bei denen zu kaufen gibt, verklage ich sie aufgrund der feisten Behauptung, alles für's Büro zu führen. Auf die sichere Seite gebracht durch den Firmenanwalt von Rechtsbeistand und mehr in Hagen, der Herrn Blesel riet, sich hierdurch abzusichern, einfach zu behaupten, es gebe fast alles, kam dann dieser geniale Werbeslogan heraus.
Funktioniert genau wie der allseits beliebte Serviervorschlag, der dem geneigten Käufer von in Tüten und Kartons verpackten Lebensmitteln gemacht wird. Denn jene euphemistische Abbildung des Produktes auf der Verpackung, die natürlich keinesfalls auch nur annähernd mit dem Produkt selbst auch nur irgendeine Ähnlichkeit besitzt, soll dem Käufer lediglich den Mund wässrig machen. Da jedoch die Ristorante von Dr. Oetker nicht nur geschmacklich sondern auch optisch eine Beleidigung der Bezeichnung Pizza ist, hat man bei der gephotoshoppten Abbildung des mit Restmüll belegten Brandkrustensnacks in Deutschland jenes wirre Wort an den Rand der Verpackung zu schreiben. Der Konsument, so heißt es im Gesetz, darf nicht in die Irre geführt werden. So bestünde quasi die Möglichkeit, den Hersteller zu verklagen, weil in der transparenten Salamipackung ja gar keine Wurst mit Petersilie auf einem Porzellanteller befindlich gewesen ist, obwohl beides doch vorn abgebildet wird. Also, nein, das geht nun wirklich nicht. Zum Schutze nennt man die Abbildung Serviervorschlag und begibt sich in den Aggregatszustand der Hieb- und Stichfestigkeit. Danke, Deutschland, von dir kann man soviel lernen. Denn du machst dir die Welt widdewidde wie sie dir gefällt.
Zum Schluss noch etwas in eigener Sache: Crackhuren und mehr. Nordstadt Dortmund.
Cheers, h*

Freitag, 23. April 2010

Don’t hesitate to innovate oder: Why Deutsch makes no sense in this bizz, which is like no bizz

Ich werde ständig darauf angesprochen, warum ich meine Songs auf Englisch schreibe. Ich antworte stets, keck und aufgeweckt, ich möchte ja schließlich nicht nur die Spitze der deutschsprachigen Charts anführen, sondern die der ganzen Welt. Und das haben leider weder Olli P. noch Jasmin Wagner alias Blümchen je geschafft. Und wenn, versuchte man krampfhaft, wie zuletzt Genannte, seine ohnehin schon sinnbefreiten Texte (Ich erinnere: „Wie ein bum, bum, bum, bum, Bumerang, komm ich wieder bei dir an…“) ins Englische zu übersetzen. Ich spar mir also einen Weg.
Auch wenn ich damals in Hamm Blümchen echt toll fand. Weiß der Geier, was mich als Teenager geritten hat, mir einen derartigen Schwachsinn anzuschauen. Immerhin stand ich das Konzert über neben dem Mischpult. Bester Sound im Saal, verstehste… Der Plan, mein mitgebrachtes BRAVO-Poster signieren zu lassen, schlug allerdings fehl. Und dabei dachte ich, dass ich der einzige mit der tollen Idee sei, die charmante Hamburgerin mit eben jenem Wunsch zu behelligen. Mein erstes großes Popkonzert war’s, was ich sonst eigentlich gern unerwähnt lasse und bis zum Splash! springe, um zu erzählen, wann ich das erste Mal vor einer großen Bühne gestanden habe. Blümchen vs. Samy Deluxe lässt wohl kaum offen, warum. Werde ich doch redselig, meist in Kombination mit alkoholhaltigen Getränken, rede ich mich stets damit raus, dass ich‘s der Klassenkameradin zuliebe tat, mit der ich jenes Konzert in Hamm damals besuchte. So konstatiere ich dies auch hier, damit die werten Leser dieses Blogs nicht auch nur im Entfernten darauf kämen, dass mal Poster von Jasmin Wagner direkt über meiner Bettkante hingen. Zwei oder drei, ich weiß es nicht mehr genau. Das Verblüffende an diesen Zierpapieren allerdings war ein Detail, dessen Bedeutung mir erst heute zur Gänze bewusst wird. Die ganze Schrecklichkeit der bösen Musikbranche ist nämlich im Vergleich der beiden Poster offenbar. Das Poster der Newcomerin zeigt Blümchen in einer knallrosa Plastikjacke und der wunderhübschen Naturkrause, sowie dezentem Makeup und schüchternem Blick. Das andere Poster, auf dem Weg zur Popschlampe, bildet Jasmin als Vamp in einem schwarzen Lackkorsett und gebundenem Haar ab. Jedoch nicht etwa die Wandlung vom kleinen Mädchen zur Charthure ist, was mich so beschäftigt. Schließlich sieht man das alle Nase lang. Nein, vielmehr der Blick auf die Fingernägel ist, was im Vergleich der beiden Abbildungen frappiert. In jungen Jahren offensichtlich noch Hornfräserin erster Kajüte, die ihre Maniküre offensichtlich stets mit dem Kauwerkzeug erledigte, hatte Jasmin wohl von ihren Vorgesetzten eine dreiwöchige Entzugskur verordnet bekommen, die sie darauf trimmen sollte, das Kappen der Nägel an Profis mit Werkzeugen out zu sourcen. Denn auf dem Poster, was ich chronologisch korrekt rechts neben dem Erstling platziert hatte, waren die Hände bis in die Spitzen gepflegt und von Verlegenheitskauerei keinerlei Spur mehr. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn auch ich, in jungen Jahren wohl ADHS-Kind, wäre die Schublade damals schon erfunden gewesen, ließ meine Hyperaktivität gern am Kalk meiner Flossen aus. So beschert mir auch heute noch meine ungesunde Grundnervosität schäbige Finger, die ein gefundenes Fressen für jeden Nailstylisten wären. Vorausgesetzt es gibt auch in dieser Branche Extensions. Oder ich steige früher oder später auf Handschuhe um.

Eigentlich ging es aber um etwas völlig anderes, denn nicht die mangelnde Schönheit des menschlichen Greifwerkzeuges sollte in diesem Beitrag besprochen werden. Vielmehr wollte ich über die Texte musikalischer Werke sprechen. Nebenbei erwähnt hatte Blümchen wohl eher keinen Erfolg mit den ins Englische übersetzten Hits, die in Deutschland monatelang aus den Dizzen nicht weg zu kauen waren. Tokio Hotel scheinen da mehr Zeitgeist zu treffen.
Ich möchte aber hier mal ein Beispiel als Antwort geben, warum es meist allerdings wirklich klüger ist, auf Englisch zu texten. Fernab von einfallsreichen Beinahe-Gedichten wie Jürgen Drews neuestes Verbrechen „Parapapapapapapaprika Bumm, Parapapapaprika, ich fall um…“, gibt es sogar Fehltritte von Größen, die als Singer und Songwriter einen derartigen Vorbildcharakter darstellen, dass man ihnen hieb- und stichfeste Lyrik als Songtext unterstellt, ohne jemals wirklich hingehört zu haben. Das Studium einiger Werke von Neil Young zum Beispiel hat mich kürzlich enorm schockiert. Auf dem 72er Erfolgsalbum Harvest¸ auf dem sich ebenfalls der totgespielte Klassiker Old Man befindet, stößt man in der Tracklist auf einen interessanten Song, der mit A man needs a maid betitelt ist. Und wie hier schon geahnt wird: Ja, Alice Schwarzer hätte allen Grund auf die Barrikaden zu gehen, veröffentlichte man einen ähnlichen Song in deutscher Sprache hierzulande. Jedoch ist es nicht nur der chauvinistische Gehalt der Zeilen „Just someone to keep my house clean, fix my meals and go away“, der mich stutzig machte. Ebenfalls die Inszenierung machte mir schwer zu schaffen. Denn wir reden hier nicht von einem Beatles-Hit wie Obladi Oblada oder dem fantastischen We all live in a yellow submarine oder gar I wanna be under the sea, in an octopusse’s garden in the shade. Dies sind Songs, die sich auch musikalisch nicht ernst nehmen und ebenfalls nicht als tiefgründiges Liedgut verstanden wissen wollen. Was Young hier allerdings spielt, ist ein melancholischer Song in Moll, in dem er leidend konstatiert, dass er jemanden braucht, der sein Haus sauber hält. Es kommt aber noch besser. Denn der Refrain setzt mit einer orchestral-hochtrabenden Traurigkeit ein, wenn Neil noch hochtrabender die Titelzeile singt. Darauf folgt ein düsterer Akkordwechsel, um jene Folgezeile einzuleiten „It’s hard to make the change…“ Spätestens jetzt ist Young nur noch fingerspitzenbreit von der Drewschen Paprika entfernt, denn, um es mit Ottos Worten zu formulieren: Was wollen uns dieser Worte sagen? Ist es schwer, die Verantwortung des Haushaltes in die Hände einer möglicherweise kleptomanischen Feudelschwingerin zu übergeben? Oder ist es schwierig zu akzeptieren, nicht jeden Morgen zwischen den leeren Schampus- und Whiskeypullen nebst Erbrochenem aufzuwachen, weil frisch und fröhlich schon die junge Dame mit den Gummihandschuhen am Werk gewesen ist? Von Herrn Young werde ich wahrscheinlich keine Antwort darauf zu hören bekommen. Für meinen Interviewer, der stets meint, eine tolle Frage an mich gestellt zu haben, ist dies aber ein ziemlich gutes Beispiel, warum ich auf Englisch Songs vertexte. Alle deutschen Konsumenten würden mich für ziemlich bekloppt halten, würde ich einen ähnlichen Song à la „Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann“ in mein Repertoire aufnehmen und jenen mit selber Leidensfähigkeit präsentieren wie Young seinen Frühjahrsputz-Song. It’s hard to make the change. Sehe ich auch so. Daher bleibe ich beim authentischen Englisch, die Sprache, in der alles einfach gut klingt. Nicht umsonst wird die deutsche Sprache vor allem im Business-Bereich nicht bloß überflutet, sondern ausrangiert. Preisfrage: Man nenne mir ein deutsches Pendant zum Wörtchen Service. Ich meine nicht „Dienstleistung“, sondern etwas wie „der Service der deutschen Bahn“. Danke. Und spätestens beim Thema Liebeslied, an dem jeder Amateur sich sofort als Laie verrät, wenn er zum billigen Abziehbild von Rilke wird, kommt man ums Englische nicht mehr herum. Eine geschätzte Kollegin von mir verriet daher in einem Interview auf eben jene gern gestellte Frage, warum sie Englisch schreibe, sie finde es leichter. Applaus für so viel Mut der Selbstbekenntnis, den ich nur unterstützen kann.

Und außerdem: Kein geringerer als Hartmut Engler, der Titan und Vorreiter der deutschsprachigen Pop-Rockmusik, Frontsänger und Frisurenbagatellist der Erfolgsband PUR, hat vor ein paar Jahren sein Solo-Album auf Englisch verfasst. Hut ab! Denn modern ist Deutsch nicht mehr, mittlerweile ist es Mainstream. Und, lieber Interviewer, ich mach’s eben wie Engler. Denn wir beide wissen, in welche Richtung tote Fische schwimmen. Amen.
Cheers, h*