Freitag, 23. April 2010

Don’t hesitate to innovate oder: Why Deutsch makes no sense in this bizz, which is like no bizz

Ich werde ständig darauf angesprochen, warum ich meine Songs auf Englisch schreibe. Ich antworte stets, keck und aufgeweckt, ich möchte ja schließlich nicht nur die Spitze der deutschsprachigen Charts anführen, sondern die der ganzen Welt. Und das haben leider weder Olli P. noch Jasmin Wagner alias Blümchen je geschafft. Und wenn, versuchte man krampfhaft, wie zuletzt Genannte, seine ohnehin schon sinnbefreiten Texte (Ich erinnere: „Wie ein bum, bum, bum, bum, Bumerang, komm ich wieder bei dir an…“) ins Englische zu übersetzen. Ich spar mir also einen Weg.
Auch wenn ich damals in Hamm Blümchen echt toll fand. Weiß der Geier, was mich als Teenager geritten hat, mir einen derartigen Schwachsinn anzuschauen. Immerhin stand ich das Konzert über neben dem Mischpult. Bester Sound im Saal, verstehste… Der Plan, mein mitgebrachtes BRAVO-Poster signieren zu lassen, schlug allerdings fehl. Und dabei dachte ich, dass ich der einzige mit der tollen Idee sei, die charmante Hamburgerin mit eben jenem Wunsch zu behelligen. Mein erstes großes Popkonzert war’s, was ich sonst eigentlich gern unerwähnt lasse und bis zum Splash! springe, um zu erzählen, wann ich das erste Mal vor einer großen Bühne gestanden habe. Blümchen vs. Samy Deluxe lässt wohl kaum offen, warum. Werde ich doch redselig, meist in Kombination mit alkoholhaltigen Getränken, rede ich mich stets damit raus, dass ich‘s der Klassenkameradin zuliebe tat, mit der ich jenes Konzert in Hamm damals besuchte. So konstatiere ich dies auch hier, damit die werten Leser dieses Blogs nicht auch nur im Entfernten darauf kämen, dass mal Poster von Jasmin Wagner direkt über meiner Bettkante hingen. Zwei oder drei, ich weiß es nicht mehr genau. Das Verblüffende an diesen Zierpapieren allerdings war ein Detail, dessen Bedeutung mir erst heute zur Gänze bewusst wird. Die ganze Schrecklichkeit der bösen Musikbranche ist nämlich im Vergleich der beiden Poster offenbar. Das Poster der Newcomerin zeigt Blümchen in einer knallrosa Plastikjacke und der wunderhübschen Naturkrause, sowie dezentem Makeup und schüchternem Blick. Das andere Poster, auf dem Weg zur Popschlampe, bildet Jasmin als Vamp in einem schwarzen Lackkorsett und gebundenem Haar ab. Jedoch nicht etwa die Wandlung vom kleinen Mädchen zur Charthure ist, was mich so beschäftigt. Schließlich sieht man das alle Nase lang. Nein, vielmehr der Blick auf die Fingernägel ist, was im Vergleich der beiden Abbildungen frappiert. In jungen Jahren offensichtlich noch Hornfräserin erster Kajüte, die ihre Maniküre offensichtlich stets mit dem Kauwerkzeug erledigte, hatte Jasmin wohl von ihren Vorgesetzten eine dreiwöchige Entzugskur verordnet bekommen, die sie darauf trimmen sollte, das Kappen der Nägel an Profis mit Werkzeugen out zu sourcen. Denn auf dem Poster, was ich chronologisch korrekt rechts neben dem Erstling platziert hatte, waren die Hände bis in die Spitzen gepflegt und von Verlegenheitskauerei keinerlei Spur mehr. Und ich weiß, wovon ich spreche, denn auch ich, in jungen Jahren wohl ADHS-Kind, wäre die Schublade damals schon erfunden gewesen, ließ meine Hyperaktivität gern am Kalk meiner Flossen aus. So beschert mir auch heute noch meine ungesunde Grundnervosität schäbige Finger, die ein gefundenes Fressen für jeden Nailstylisten wären. Vorausgesetzt es gibt auch in dieser Branche Extensions. Oder ich steige früher oder später auf Handschuhe um.

Eigentlich ging es aber um etwas völlig anderes, denn nicht die mangelnde Schönheit des menschlichen Greifwerkzeuges sollte in diesem Beitrag besprochen werden. Vielmehr wollte ich über die Texte musikalischer Werke sprechen. Nebenbei erwähnt hatte Blümchen wohl eher keinen Erfolg mit den ins Englische übersetzten Hits, die in Deutschland monatelang aus den Dizzen nicht weg zu kauen waren. Tokio Hotel scheinen da mehr Zeitgeist zu treffen.
Ich möchte aber hier mal ein Beispiel als Antwort geben, warum es meist allerdings wirklich klüger ist, auf Englisch zu texten. Fernab von einfallsreichen Beinahe-Gedichten wie Jürgen Drews neuestes Verbrechen „Parapapapapapapaprika Bumm, Parapapapaprika, ich fall um…“, gibt es sogar Fehltritte von Größen, die als Singer und Songwriter einen derartigen Vorbildcharakter darstellen, dass man ihnen hieb- und stichfeste Lyrik als Songtext unterstellt, ohne jemals wirklich hingehört zu haben. Das Studium einiger Werke von Neil Young zum Beispiel hat mich kürzlich enorm schockiert. Auf dem 72er Erfolgsalbum Harvest¸ auf dem sich ebenfalls der totgespielte Klassiker Old Man befindet, stößt man in der Tracklist auf einen interessanten Song, der mit A man needs a maid betitelt ist. Und wie hier schon geahnt wird: Ja, Alice Schwarzer hätte allen Grund auf die Barrikaden zu gehen, veröffentlichte man einen ähnlichen Song in deutscher Sprache hierzulande. Jedoch ist es nicht nur der chauvinistische Gehalt der Zeilen „Just someone to keep my house clean, fix my meals and go away“, der mich stutzig machte. Ebenfalls die Inszenierung machte mir schwer zu schaffen. Denn wir reden hier nicht von einem Beatles-Hit wie Obladi Oblada oder dem fantastischen We all live in a yellow submarine oder gar I wanna be under the sea, in an octopusse’s garden in the shade. Dies sind Songs, die sich auch musikalisch nicht ernst nehmen und ebenfalls nicht als tiefgründiges Liedgut verstanden wissen wollen. Was Young hier allerdings spielt, ist ein melancholischer Song in Moll, in dem er leidend konstatiert, dass er jemanden braucht, der sein Haus sauber hält. Es kommt aber noch besser. Denn der Refrain setzt mit einer orchestral-hochtrabenden Traurigkeit ein, wenn Neil noch hochtrabender die Titelzeile singt. Darauf folgt ein düsterer Akkordwechsel, um jene Folgezeile einzuleiten „It’s hard to make the change…“ Spätestens jetzt ist Young nur noch fingerspitzenbreit von der Drewschen Paprika entfernt, denn, um es mit Ottos Worten zu formulieren: Was wollen uns dieser Worte sagen? Ist es schwer, die Verantwortung des Haushaltes in die Hände einer möglicherweise kleptomanischen Feudelschwingerin zu übergeben? Oder ist es schwierig zu akzeptieren, nicht jeden Morgen zwischen den leeren Schampus- und Whiskeypullen nebst Erbrochenem aufzuwachen, weil frisch und fröhlich schon die junge Dame mit den Gummihandschuhen am Werk gewesen ist? Von Herrn Young werde ich wahrscheinlich keine Antwort darauf zu hören bekommen. Für meinen Interviewer, der stets meint, eine tolle Frage an mich gestellt zu haben, ist dies aber ein ziemlich gutes Beispiel, warum ich auf Englisch Songs vertexte. Alle deutschen Konsumenten würden mich für ziemlich bekloppt halten, würde ich einen ähnlichen Song à la „Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann“ in mein Repertoire aufnehmen und jenen mit selber Leidensfähigkeit präsentieren wie Young seinen Frühjahrsputz-Song. It’s hard to make the change. Sehe ich auch so. Daher bleibe ich beim authentischen Englisch, die Sprache, in der alles einfach gut klingt. Nicht umsonst wird die deutsche Sprache vor allem im Business-Bereich nicht bloß überflutet, sondern ausrangiert. Preisfrage: Man nenne mir ein deutsches Pendant zum Wörtchen Service. Ich meine nicht „Dienstleistung“, sondern etwas wie „der Service der deutschen Bahn“. Danke. Und spätestens beim Thema Liebeslied, an dem jeder Amateur sich sofort als Laie verrät, wenn er zum billigen Abziehbild von Rilke wird, kommt man ums Englische nicht mehr herum. Eine geschätzte Kollegin von mir verriet daher in einem Interview auf eben jene gern gestellte Frage, warum sie Englisch schreibe, sie finde es leichter. Applaus für so viel Mut der Selbstbekenntnis, den ich nur unterstützen kann.

Und außerdem: Kein geringerer als Hartmut Engler, der Titan und Vorreiter der deutschsprachigen Pop-Rockmusik, Frontsänger und Frisurenbagatellist der Erfolgsband PUR, hat vor ein paar Jahren sein Solo-Album auf Englisch verfasst. Hut ab! Denn modern ist Deutsch nicht mehr, mittlerweile ist es Mainstream. Und, lieber Interviewer, ich mach’s eben wie Engler. Denn wir beide wissen, in welche Richtung tote Fische schwimmen. Amen.
Cheers, h*

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