Alles geht den Bach hinunter. Ein Zitat frei nach Robert Jungk allerdings sieht das anders. Findige Nordstadtinitiatoren haben beim Erstellen des Plakates, das an der Heiligegarten-, Ecke Bornstraße eine Hauswand ziert, auch nicht zu tief gestapelt, als sie beim „freien“ Zitieren einfach mal „Welt“ durch „Nordstadt“ austauschten: Die Nordstadt kann verändert werden. Zukunft ist kein Schicksal. Und gegenüber am bewohnten Pendant zum sogenannten „Horrorhaus“ fehlt immer noch der Leuchtstoff im halben Schriftzug der hoffnungsvollen Parole Im Norden geht die Sonne auf. Widdewiddewitt und Drei macht Neune.
Vielleicht wäre es angebracht, den Slogan zu ändern, um die ganze Rutsche endlich mal wirklich in Fahrt zu bringen. Und was würde sich da besser eignen, als jene nicht totzukriegende Wendung, die alles und nichts bedeutet und daher branchenübergreifend immer wieder sinnfrei zum Einsatz kommt. Es geht um den mittlerweile zum feststehenden Begriff mutierten Leersatz der Endung …und mehr. Seit jeher versuchen mittelständische Unternehmen mit jenem beknackten Beisatz Kunden durch dieses esoterisch-geheimnisvolle Mehr anzulocken. Doch ist es nicht vielleicht sogar weniger, dieses Mehr? Oder gar noch klischeehafter, wenn für maritimen Fernurlaub und fischige Feinkost sogar die Rhetorikkeule geschwungen und klammerhaft von me(e)r gesprochen wird? Oder war es mee(h)r oder doch me(h)r? Ich weiß es nicht. Tatsache ist, dass es kaum noch einen Tante Emma-Laden, Kiosk oder Aquarienhändler gibt, der nicht behauptet, es gebe bei ihm noch mehr als es in seiner Branche üblich sei. Doch, um wieder mal mit Herrn Waalkes Formulierung zu polemisieren, was mögen uns diese Worte sagen? Was heißt es, wenn Kleinstunternehmer von mehr sprechen? Café und mehr, Textilien und mehr, Pflastersteine und mehr, Arschgeweihe und mehr… Heißt es wirklich: Hey, Leute, alle anderen verkaufen unter der Bezeichnung Kaffee und Kuchen, ich sogar Wasserpfeifen und Crack! Oder heißt es: Wer hier einkauft hat sich ruckzuck in meine Angestellte verliebt, sie geheiratet, drei Kinder mit ihr gezeugt und sich bis an sein Lebensende daran erinnert, dass er sie beim Kauf eines meiner Produkte kennen gelernt hat. Oder vielleicht auch: Meine Produkte zeichnen sich durch zusätzliche Eigenschaften aus, die unüblich sind, bspw. Kaffee, der wie Tee schmeckt; Fische die Milch geben; Gartenmöbel, mit denen man ins Internet gehen kann oder Bonbons, die einen auf die doppelte Körpergröße anwachsen lassen. Möglicherweise stellt das aber auch die Warnung dar, wie z.B. Wer hier nur einen Lolli kauft, muss erstmal den Laden putzen! Oder in der Gastronomie, dass in Arbeitskraft bezahlt werden muss, wie beispielsweise mit dem Reinigen des Küchengeschirrs. Steak und mehr bedeutete dann: Iss ein Steak und verbringe noch ein bisschen Zeit bei uns, die Friteuse müsste mal wieder gereinigt werden! Wer weiß…
Einer meiner absoluten Lieblingsslogans in der Hinsicht stammt übrigens von der Firma Blesel an der A46 in Hagen, welcher mittlerweile wahrscheinlich wegen der umstrittenen Marketingwirkung umformuliert wurde, leider. Und zwar warb die Firma vor ein paar Jahren mit dem Wortbrei Blesel – Fast alles für’s Büro. Na, toll. Noch besser, man würbe total wild entschlossen und standfest folgendermaßen: Weyland. Schuhe und so. Oder Weyland, Markenartikel u.ä. GmbH. Also, wie stelle ich mir das vor? Verkauft man bei Blesel Schreibtischstühle, aber keine Schreibtische? Radiergummis aber keine Bleistifte? Tinte aber keine Füllfederhalter? Oder verkaufen sie vielleicht Reizwäsche, Plüschhandschellen und Fetischgarnituren und haben eine kleine Abteilung mit Chinakladden und einen Moleskine-Aufsteller mit Notizheften und Agendas für freiberufliche Schriftsteller? Oder ist das eine juristisch vereinbarte Bezeichnung, damit sich keiner denkt: Ich benutze bei der Arbeit am PC immer eine Trockenhaube für meine Dauerwelle und Blesel hat ja alles für’s Büro, so auch genau eine solche. Und wenn es diese nicht bei denen zu kaufen gibt, verklage ich sie aufgrund der feisten Behauptung, alles für's Büro zu führen. Auf die sichere Seite gebracht durch den Firmenanwalt von Rechtsbeistand und mehr in Hagen, der Herrn Blesel riet, sich hierdurch abzusichern, einfach zu behaupten, es gebe fast alles, kam dann dieser geniale Werbeslogan heraus.
Funktioniert genau wie der allseits beliebte Serviervorschlag, der dem geneigten Käufer von in Tüten und Kartons verpackten Lebensmitteln gemacht wird. Denn jene euphemistische Abbildung des Produktes auf der Verpackung, die natürlich keinesfalls auch nur annähernd mit dem Produkt selbst auch nur irgendeine Ähnlichkeit besitzt, soll dem Käufer lediglich den Mund wässrig machen. Da jedoch die Ristorante von Dr. Oetker nicht nur geschmacklich sondern auch optisch eine Beleidigung der Bezeichnung Pizza ist, hat man bei der gephotoshoppten Abbildung des mit Restmüll belegten Brandkrustensnacks in Deutschland jenes wirre Wort an den Rand der Verpackung zu schreiben. Der Konsument, so heißt es im Gesetz, darf nicht in die Irre geführt werden. So bestünde quasi die Möglichkeit, den Hersteller zu verklagen, weil in der transparenten Salamipackung ja gar keine Wurst mit Petersilie auf einem Porzellanteller befindlich gewesen ist, obwohl beides doch vorn abgebildet wird. Also, nein, das geht nun wirklich nicht. Zum Schutze nennt man die Abbildung Serviervorschlag und begibt sich in den Aggregatszustand der Hieb- und Stichfestigkeit. Danke, Deutschland, von dir kann man soviel lernen. Denn du machst dir die Welt widdewidde wie sie dir gefällt.
Zum Schluss noch etwas in eigener Sache: Crackhuren und mehr. Nordstadt Dortmund.
Cheers, h*

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