Ich habe mich verändert. Ich fürchte mich. Was ist bloß los mit mir? War ich nicht immer albern und furchtlos, mich vor aller Welt zum Affen zu machen?
Ja, ich erinnere mich zum Beispiel sehr gut an die Tage meiner Existenz als Klassenclown. Zusammen mit einem Schulfreund war ich sozusagen Spitzenreiter was das Erscheinen des Nachnamens im Klassenbuch anging. Weyland, stand da immer, stört wiederholt den Unterricht. Soll heißen, ich hatte es einfach drauf, den gelangweilten Haufen während der Geschichts- und Erdkundestunden immer so richtig aufzumöbeln. Ein flotter Spruch, niemals beleidigend, und eine lauthals lachende Bande Mitgepeinigter ging auf die Barrikaden und der Pauker auf die Palme.
Ich weiß nicht, ob es schon einmal Erwähnung gefunden hat, ich war Schüler einer privaten katholischen Schule, oder auch „Nonnenbunker“, im beschaulichen Menden im Sauerland. Vormals als Kloster errichtet, wurde jene Einrichtungen über den Werdegang eines Lyzeums, eine reine Mädchenschule, letztlich zur allgemeinen Massenschlachterei für schlechtes Benehmen und Hantelkammer gegen den Satan ausgebaut, ein Bootcamp der Frömmigkeit sozusagen. Eine völlig fröhliche, weltoffene und moderne Bildungseinrichtung also, in dem stets darauf geachtet wird, dass man gute Laune an Nachbarschulen outsourced. Um Benimm und Gottesfurcht zu lehren, stehen den Big Sisters des ehemaligen Klosters statt Televisor viele andere kreative Werkzeuge zur Verfügung. Zur Zucht der Ungehorsamen zum Beispiel erfüllt ein kleiner Teich mit samt Park seinen Zweck, da er mit Reinigungsnot aufwartet, wo immer ein Obertertianer vorm Schultor beim Rauchen erwischt wird. Auch das Kaugummikauen im Unterricht wird, pädagogisch korrekt, mit dem Entfernen eben jener festgefahrenen Kautschuksüßigkeiten vom Lehrerparkplatz geahndet. Mit einem stumpfen Messer aus der Kantine. Und es gibt da noch etwas, auf das unwiederbringlich die Todesstrafe oder lebenslanges Vaterunserbeten in der Kapelle folgt: Ein ungefähr vier Meter langer Flur zwischen Lehrerzimmer und Treppenhaus des Altbaus, gegenüber vom Eingang zur Kapelle, von dem aus, so munkelte man, Zutritt zum Paradies und Wetterbüro Sankt Petri möglich war. Das Betreten jenes Zwischenflures war, das bekam man bereits als Sextaner zur Einschulung unmissverständlich eingeimpft, der direkte Weg zu Luzifer und seinen gefallenen Engelskameraden. Wollte ein Schüler von dieser Seite des Treppenhauses also zum Lehrerzimmer gelangen, musste er einen Umweg über die darüber oder darunter liegende Etage, hinüber in den Neubau und zurück, in Kauf nehmen. Kein Scheiß. Nicht selten wurden an dieser Stelle Mutproben ausgerufen, denen ich mich allerdings nie zu stellen traute, zu kostbar war mir die diesseitige Existenz.
Ich war immer vorsichtig. Habe nicht in den Gängen auf dem Boden gesessen, habe mich nie über die Aufzüge der Nonnen lustig, noch jemals im Reli-Unterricht blasphemische Äußerungen gemacht. Daher bin ich Gott sei Dank nur einmal der kalten Hand eines Graupinguins zum Opfer gefallen. Keine Ahnung, was ich damals verbrochen hatte, bestraft wurde ich damit, alte Socken als Spenden für die Caritas zu falten und in Kisten zu verpacken. Seit an Seit mit der Schulleiterin, deren rückkoppelndes Hörgerät mir bis heute schlaflose Nächte bereitet und in meinen Albträumen stets als gekreuzigtes Monster in Nonnenkluft erscheint, das wie ein Nazgul in diesen Frequenzen boshaft meinen Namen schreit. Nur im Unterricht der „normalen“ Lehrkräfte ohne Kutte und sonderbarem Namen traute ich mich den Entertainer zu mimen, um Kameraden sowie vor allem –innen zu imponieren. Dieser jugendliche Drang nach Selbstdarstellung hängt mir natürlich noch bis in die heutige Zeit nach, ich wäre sonst wohl kaum Frontmann, Singer and Songwriter sowie unbändige Rampensau. Und trotz meines Erwachsenwerdens, trotz der herannahenden Bodenständigkeit, so dachte ich bis vor Kurzem, bin ich der blödelnde Freigeist geblieben, der damals Stilblütenproduzent höchsten Ranges in der letzten Reihe der Schulbank gewesen ist. Ich bin vom Gegenteil überzeugt worden. Ich werde piefig. Ich beginne, einen Stock im Arsch zu züchten.
Es war ein recht kalter Montagmorgen, Schnee lag auf den Bänken des Nordmarktes, als ich zusammen mit meiner Freundin und meinem fünf Monate alten Sohn in die Wassergymnastikanstalt des Hörder Josefshospitals fuhr. Babyschwimmen. Oh mein Gott. Lauter kleine Wasserphobiker mit der Lizenz zum auditiven Mord. Die von ihren Erzeugern dazu gezwungen werden, literweise Chlor zu schlucken und dabei um ihr Leben zu winseln. Und ich mittendrin. Das war meine Erwartung. Was kommen sollte, lag jenseits meiner Vorstellungskraft und zeigte mir mein hässlich verspießtes Spiegelbild auf der Wasseroberfläche des pinkelwarmen Reha-Bades.
Wir betraten den stark geheizten Poolraum, ich mein Kind auf dem Arm. Was mir als allererstes wie eine Backpfeife in Gesicht sprang, war die Tatsache, das ich unter den anwesenden Elternteilen der einzige Sack zu sein schien. Alles andere war adrett in Badeanzüge gekleidet und bereits dabei, die jeweils eigene Brut im warmen Nass umher zu werfen. Was schon ein schreckensvolles Bild war, mich aber dennoch nicht davon abhielt zu den Damen ins Wasser zu steigen. Meine Herzdame wollte vom Beckenrand aus zuschauen und den Niedergang meiner Männlichkeit beobachten. Als sich alle Teilnehmer des Kurses versammelt hatten, wurden wir von der Leiterin dazu aufgefordert einen Kreis zu formen. Im Wasser. Warum immer Kreise… Warum selbst hier… Was dann kam, trieb mir so rasant die Schamesröte ins Gesicht, dass ich am liebsten samt Kind untergetaucht wäre, um an einem thailändischen Badestrand wieder aufzutauchen. Die Frauen hielten ihre Kinder vor sich in die Mitte und begannen zu singen. Auf der grünen Wiese steht ein Karussell, manchmal fährt es langsam, manchmal fährt es schnell… An entsprechender Stelle begann der Kreis sich zu drehen, zu stoppen und in die andere Richtung das Tempo zu erhöhen. Außerdem schienen alle Damen den Text zu kennen. Ich indes hatte die Verschwörung erkannt, suchte die versteckte Kamera und war bald von der Virtuosität dieser Wassernixen vollkommen in die Flucht geschlagen. Mmm, Bäh macht der kleine Frosch am Teich, anstatt Quak quak quak quak quak… (bei den Mmm, Bähs natürlich so bescheuert wie es nur eben geht die Zunge herausstrecken). Was sollte ich nur tun? Ich verzog mich mit meinem Kurzen in eine sichere Ecke des Pools und begann vorsorglich, ihn vorm Einlullen durch die Sirenen zu beschützen. Entgegen ihrer hypnotisierenden Melodien sang ich leise für ihn ein Karnevalslied. Kutt erop, kutt erop, be Pallems da is dä Pief verstupp, jetzt hätt die ärm Frou Pallem die janze Stub voll Quallem… Ganz zur Verwunderung der Meerjungfrauen, die mich kritisch beäugten und mit Häme bedachten. Zum Abschluss gab’s noch einmal Wasserkreis und natürlich ein Lied. Alle Leut‘, alle Leut‘ geh’n jetzt nach Haus. Dicke Leut‘, dünne Leut‘, große Leut‘, kleine Leut‘… usw. usf. Dann war ich befreit aus den Klauen der Sirenen. Ich verließ fluchtartig das Wasser und brachte mich und meinen Spross in Sicherheit. Meine Freundin übernahm in Folge die Obhut des Kindes für den Kurs, während ich zu Hause in Sicherheit blieb.
Liegt es nun an meiner Angst gegenüber fremdgeschlechtlichen Vereinigungen oder bin ich doch endlich so erwachsen geworden, dass ich solchen Quatsch nicht mehr mitmachen kann? Mmm, Bäh! Vielleicht ist es aber doch wieder nur mein verkorkster Hang zur Opposition, der schon zu Schulzeiten meinen Namen ins Klassenbuch beförderte. Habe ich nun Grund zur Sorge oder darf ich mit Fug und Recht behaupten, immer noch der Alte zu sein?
Vielleicht war es auch nur mein übertrieben literarisch mythischer Sinn, der jenes Unbehagen evozierte, das in Zusammenhang mit diesen singenden Frauen im Wasser zusammenhing. Odysseus nämlich verstand es, mit ähnlichem Kalkül diesen Wesen gegenüber zu treten. Andererseits hätte ihn die Begegnung mit den Sirenen vielleicht das Leben gekostet. Dank also dem griechischen Abenteurer, der mich bei der Wassergymnastik in Hörde vor Schlimmerem bewahren konnte.
Cheers! h*
