Dabei hat es so schön angefangen. Wie gern habe ich im letzten Sommer auf dem Balkon gesessen, den Vögeln gelauscht, während ich eines meiner unvergleichlichen linguistischen Referate vorbereitete. Man mag es kaum glauben, wenn man die Missundestraße hinab läuft, die abgewrackten Bauten samt ihrer abgewrackten Bewohner begutachtet und jede Sekunde den Ausbruch eines blutigen Bandenkrieges bevorstehen fühlt. Doch die Nordstadt ist beizeiten ruhig, ja, regelrecht inspirierend. Auch, wenn der Balkon zum grauen Hof bei Sonnenhöchststand nur ca. drei Minuten direktes Sonnenlicht am Tag genießen darf. So verblüffte mich doch die Frage eines Kommilitonen, den ich während eines Telefongesprächs auf den Balkon entführte. Er wollte nämlich plötzlich wissen, ob ich Vögel halte. Das konsternierte Warum als natürliche Reaktion einer Gegenfrage dürfte recht eindeutig als Antwort gedient haben. Er meinte, er höre eben immer so viel Vogelgezwitscher, wenn er bei mir anriefe und stelle sich dabei vor, wie ich mit ihm telefonierend durch meine begehbare, hauseigene Voliere spaziere und hier und da den Aras ein Stück Ananas zum Snacken reiche. Wohl kaum. Und doch scheint das Vogelmotiv eine Konstante des Quartiers zu sein. Nicht nur, dass das großstädtische Drecksgefieder in Form von Krähen und ewig scheißenden Tauben die Bäume bevölkert und ich im späten Winter semi-romantisch mit meiner Freundin vom Bette aus einem Elsternpaar beim Nestbau zuschauen kann. Auch sonst scheint dieses Viertel von Vögeln vollständig okkupiert zu sein.
Ein Freund, der bei mir zu Besuch gewesen ist und freundlicher Weise um Mitternacht am Nordmarkt Bier für uns besorgte, erzählte mir bei seiner Rückkehr folgende Fabel: Während er wartete, hatten noch zwei Kunden vor ihm das Vergnügen eines mitternächtlichen Einkaufs. Der erste zählte wieder und wieder seine Kupfermünzen und feilschte mit dem genervten Verkäufer um ein paar Cent, der seinem Kunden dann resignierend die Flasche Hansa schenkte. Der nachfolgende Durstige hielt dem Mann hinter der Kasse zur Bezahlung seines Bieres einen großen grünen Schein hin, worauf hin dieser abermals fluchend eine Flasche aus Haus gehen ließ. Vögel.
Meine Lieblingsgeschichte allerdings ereignete sich kurz nach unserem Einzug ins Hause Axt. Der letzte zweisame Urlaub steht mir und meiner hochschwangeren Freundin bevor, es ist Pfingstsonntag. Wir haben soeben unsere Tasche gepackt und stehen in den Startlöchern für eine Woche Entspannung an der Ostsee. Da höre ich's im Hausflur poltern. Eine Tür knallt, die dann wieder aufgerissen wird. Ich schiebe meinen Kopf vorsichtig durch die Wohnungstüre, um das Streitgespräch, was darauf folgt, belauschen zu können. Ich höre eine wimmernde Frauenstimme, die vom Stock über uns ihr Gegenüber offenbar zu besänftigen versucht, denn immer wieder höre ich „Lass das!“ und irgendwann „Tu das Messer weg!“ Bei mir folgt reflexartig das fluchtartige Schließen der Tür, sowie der verängstigte Griff zum Telefonhörer. Als ich dem Polizeibeamten am anderen Ende die Adresse nenne, gibt dieser hörbar schmunzelnd zu erkennen, dass dies wohl nicht das erste Mal sei, dass unser bescheuerter Nachbar verhaltensauffällig wird. Im Übrigen ein ganz übler Typ mit einer Schüttelkrankheit, die möglicherweise auch vom übermäßigen Drogenkonsum kommen mag, bleich und dürr und mit einem derart psychopathischen Blick, dass einem angst und bang wird. Spätestens, wenn er ohne seine obligatorische Baseballmütze die Wohnung verlässt, denn dann vervollkommnet sich das Bild durch seinen vernarbten Schädel, der nur büschelweise Haare trägt und sonst eher kahl ist. Was nach dem Anruf folgt, kommt einer blöden Krimiserie gleich. Erst kommt die Polizei, die die Tür eintritt und dem Stecher schreiend die Waagerechte auf dem Boden befiehlt. Dann wird er abgeführt. Kurze Zeit später steht dann erst die Kripo bei uns auf der Matte, die mich mustert und dann feststellt, dass der Vorgang wohl doch eher eine Etage über meiner Wohnung abgelaufen sein musste. Später, als wir dann endlich ins Auto steigen, um unsere Urlaubsreise anzutreten, fährt dann noch die Drogenfahndung vor, die mit zwei Schäferhunden das Haus begeht. Das sehen wir nur noch im Rückspiegel. Das Blut der Verletzten, die sich allerdings schon verpisst hatte, als die Bullen kamen, war aber auch noch nach unserer Rückkehr als dunkelrote Sprenkelung auf den Treppenstufen im Hausflur zu bewundern.
Nicht zuletzt aber ist ja die Nordstadt vor allem zum Vögeln gut, wie jeder weiß und die Wendung hinterm Hornbach auch nur ein Synonym für „Straßenstrich“. Das dortige Personal kommt dann auch mal gern auf dem Fahrrad bis in die Kielstraße gefahren. Im Minirock. Ohne Unterwäsche. Abgerockt und durchgenudelt. Ich habe einst nach diesem unfreiwilligen Anblick mehrere Nächte schlecht geschlafen.
Die einzige vogelhafte Existenz, die mir völlig gewogen ist, und hier schließt sich der Kreis, ist das Café am Nordmarkt, das von seinen Betreiberinnen möglicherweise in vollkommenem Bewusstsein der übrigen ornithologischen Präsenz rund um den Nordmarkt schlichtweg Fink getauft wurde. Hier lass ich die Vögel Vögel sein. Und genieße meine Vogelfreiheit bei einer Tasse Kaffee.
Ach, wenn ich doch ein Vöglein wär und auch zwei Flügel hätt'... I'd spread my wings and fly away... Stattdessen kommt ein Vogel geflogen. Und kackt mir aufs Dach. Alles Gute kommt von oben. Schöne Grüße von einem Zugvogel, der kurze Rast im schönsten Stadtviertel Dortmunds machte.
Cheers, h*
