Dienstag, 2. März 2010

Geschichten aus der Nordstadt Teil I oder: Warum es im Norden nichts Neues gibt

Mein Nachbar hat den Arsch auf. Ehrlich. Reicht, zu sagen, dass der Hausmeister, der in der Nebenstraße wohnt, sich erkundigt hat, ob es uns nicht störe, dass der Herr aus dem Erdgeschoss, der immer dröhnenden Motors in die Einfahrt brettert, ungeachtet welcher Tages- und Nachtzeit 90er Jahre-Dancefloor schmettert. Und wer hatte ihm jenes berichtet? Ja, die Nachbarn im Haus gegenüber! Aber er zieht wohl aus, hat gekündigt. Das war die gute Nachricht. Somit steht dann ungefähr die sechste von zehn Wohnungen leer. Und irgendein Idiot hat das Haus jetzt gekauft. Wahrscheinlich aber nur, um seine 28-köpfige Familie darin unterzubringen, die er kurz nach dem Kauf mit einem klappernden, qualmenden Sprinter eigenhändig aus Antalya einfliegt. Großartig! Der wunderbare Balkon, der meine Freundin und mich dazu bewegte, die Immobilie zu mieten, wird dann demnächst also in die Hände von Menschen fallen, die es schaffen, ihn mit Verwandtschaft zu füllen, bis er einfach von der Hauswand bricht. Damit dann kurz danach im Hof weiter gegrillt werden kann.
Ja, ich wohne im Dortmunder Norden. Wo sich Katz und Maus Gute Nacht sagen, sich dabei aber nicht verstehen, da die eine Türkisch und die andere Arabisch spricht. Und zwar Dialekt! Es ist schon beachtlich, aber gehe ich im Sommer vor die Tür, um zum Bahnhof zu gelangen, fühle ich mich für fünfzehn Minuten wie im Urlaub: der Duft von Holzkohle, über der zartes Lamm grillt, die Öfen der Weißbrotbäckereien, dazu die fremden Klänge südlicher, sowie nahöstlicher Sprachen umgeben mich. Und auch die undeutschen Gesichter und Kleidungsstile – Stoffhosen, Wollpullunder und komische, blaugraue Strickmützen mit Bommeln, sowie Kopftücher, so weit das Auge der Fatma reicht – dominieren das Straßenbild. Die Bäckerin grüßt mich mit „Merhaba“ und lobt mich, weil ich das türkische Wort für Sesamring, Simit, so toll ausspreche. Die Integration läuft also spitze. Liegt auch an meinem Bart, sicherlich. Und auch wird wohl nirgendwo in der Stadt soviel Schrott und Ramsch verkauft, wie in der verkehrsberuhigten Zone, die sich zwei Schritte von meinem Zuhause entfernt gen Norden schlängelt. Münsterstraße – Dortmunds lebendiges Pflaster heißt es hier am Anfang jener Bummelstraße, in der sich ein Euro-Shop an den nächsten reiht. Hier und da unterbrochen von Dönerbuden, Frittenschmieden und Pizzerien. In den hiesigen Apotheken kann man froh sein, wenn man auf Deutsch bedient wird und die meisten Fronten und Beschilderungen von Geschäften sind unlesbar, da in geschwungenen arabischen Schriftzeichen. Auch der Gemüsehändler auf der Ecke denkt, dass MHD eine schlimme Krankheit sei und lässt deswegen das Rätsel offen, ob sich in der Kiste vor mir jetzt Zucchini oder Blattspinat befindet. Weil beides sich zum Verwechseln ähnlich sieht: braun und schlaff und dank Schwerkraft in die linke untere Ecke der Kiste zurückgerutscht. Gegenüber lädt ein Restaurant 24 Stunden am Tag zum Schmausen von Hülsenfrucht und Co. ein. Warum es allerdings gleich zwei dieser 24-Stunden-Grillgaststätten auf einer Strecke von 30 Metern gibt, ist mir bis heute ein Rätsel. Jeder kleinste Kiosk, ganz zu schweigen von der Gastronomie im Kreuzviertel kämpft ums nackte Überleben, während hier rund um die Uhr drei Kellner und vier Köche die rund 1,5 Gäste im Schnitt bewirten. In einem Gastraum, der sich sehen lässt – zehn Tische mit jeweils sechs Plätzen sind hier stets eingedeckt. Schon seltsam. Der deutsche Metzger nimmt’s mit Humor, und wirbt stiltreu mit einem kochmützenbedecktem Schweinchen über dem Eingang, während ein paar Meter weiter ein Ramadangebet durch die Moschee eiert. Ist das schon Multikulti? Oder die gefürchtete Parallelgesellschaft?

In jedem Fall fühle ich mich hier zu Hause. Gewiss könnte einiges anders laufen. Aber dies ist Dortmund und nicht Leipzig oder Dresden, Städte, in denen Alternativ mit großen Buchstaben geschrieben wird. Die vermeintliche Alternative Szene gibt es nicht in Dortmund. Obwohl immer wieder forciert wird, vor allem hier in der Nordstadt, jener einen Nährboden zu schaffen. Aber was wäre Alternativ, wenn von städtischer Seite ins Leben gerufen, von großen Geldgebern initiiert? Nein, alternativ ist alternativ, weil Künstler, Musiker, Autoren eine Alternative zum Mainstream suchen und eigene Trampelpfade begeht. Nun sind hier die Mieten billig oder großflächig Wohnhäuser unbesetzt. Die äußeren Umstände von Randexistenzen stark inspirierend und die Stadtnähe absolut gegeben. Und? Die Galerien, Ateliers, Klein-Bühnen sind wo? Nicht in der Nordstadt. Sondern im Kreuzviertel, der Studentenmeile, wo Vermieter mit teuren WG-tauglichen Wohnungen locken, deren Jugendstil-Fassaden auch einladen, ebenerdig Schaufenster mit bunten Gemälden auszustatten. Weiter weg von der Stadt, teurer, mainstreamiger. Dennoch ist hier fast ausschließlich die Dortmunder „Szene“ zu Hause. Traurig, denn der Spirit der Nordstadt ist nicht zu unterschätzen. Ich kenne eine Handvoll Kunstschaffender und man trifft sich schmunzelnd in einem Gespräch, um die Wohnsituation wissend, in einem fast konspirativen Schnack, wie Motorradfahrer, die sich entgegenkommend grüßen. Ein Café auf dem Nordmarkt, umspült von Alkoholleichen, Drogenwracks und Kapitalversagern, müsste eigentlich zum Bersten gefüllt sein mit Intellektuellen, die über einem heißen Kaffee ihre Pamphlete, Sonette und Lieder verfassen. Und? Ein Schornsteinfeger, ein paar Streetworker, zwei, drei Makler und natürlich der obligatorische Türke, der mit einem Kollegen Kaffee trinkt, sind das Stammpublikum. Irgendetwas läuft hier falsch. Oder läuft es gar nicht? Wie gesagt, ich bin sicher, dass Dortmunds Künstler die Nordstadt, die Alternativszene, die Hinterhofateliers, die besetzten Hausparties, die illegalen Sessions, nicht nötig haben. Die wenigen Angebote, die sich finden, reichen den Schöngeistern offensichtlich. Aber gut, die hiesigen Kunststudenten sind auch nur auf dem Weg zu Tafel und Lehrerpult. Ich bin also froh genug, dass die Studies, die bei mir im Hinterhof ihre Feuershow proben, in Richtung echter Streetart gehen, eigene Kultur- und Tanzveranstaltungen in den Stiel stoßen. Live-Musik, Ausstellungen, Installationen, Performances. Doch ist diese Truppe ein echtes Unikum, als Hippie-Kommune verschrien. Armes Dortmund! So wird sich der große Fahnenschriftzug Alternativ niemals durchsetzen. Auch nicht in der Nordstadt. Der so oft zitierten, von Wenigen literarisch bedacht, von noch weniger Menschen besungen. Und doch von hellen Geistern bewohnt, obwohl von einer Szene verlassen, die es nicht gibt. Beseelt von Fladenbrot und Lahmacun, von Tee, Gemüse, von langen Bärten, von Burkas, von Moscheen und Wettbüros. Von Trunkenen, Huren, Junkies, Grenzgängern, Bettlern. So ist das eben. Und wird sich so schnell nicht ändern.
Cheers! h*

Montag, 1. März 2010

Meldepause oder Warum Entschuldigungen aus den Bergen klingen

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